Das Narrativ des „Bewegungswinters“ entsprechend des Modells der Bewegungszyklen dominiert die Analyse des Niedergangs der Klimabewegung nach dem (vorläufigen) Höhepunkt 2019. Demnach müssen wir die aktuelle Schwäche einfach nur aushalten, irgendwie am Ball bleiben und Bewegungswissen konservieren. Der nächste „Sommer“ wird zwangsläufig und fast von selbst kommen, wenn wir einfach nur lange genug abwarten. Aber was, wenn das ein Trugschluss ist und die tatsächlichen Gründe für den Niedergang grundsätzlicher sind? Anhand von 5 Thesen legt dieser Text drastisch-polemisch dar, warum der postautonome Ansatz der interventionistischen Bewegungspolitik unserer Meinung nach zum Scheitern verurteilt ist. Er ist eine radikale Abrechnung mit der eigenen Praxis, soll provozieren und eine grundlegende Debatte anregen.1
1. Der Ansatz Mobilisierung statt Organisierung
Diese Kritik ist wahrscheinlich so alt, wie die postautonome Bewegung selbst. Zwar beteiligen sich an den (Groß)Aktionen auch langfristig organisierte Bezugs- und Politgruppen, ein Großteil der Teilnehmer*innen für die Proteste wird aber aus dem bürgerlich-linken, häufig studentischen Milieu mobilisiert. Jenseits von maximal ein bis drei Großaktionen im Jahr (Proteste gegen Gipfel oder Messen, EG/Disrupt Bündnisaktionen) und dem alle paar Jahre stattfindenden zentralen Kampf um Kristallisationspunkte (Hambi, Danni, Lützi) werden die darüber aktivierten Menschen nicht langfristig in die Bewegung eingebunden.
Dadurch kommt es für diese Teilnehmer*innen weder zu einem wirklichen Bruch mit dem eigenen bürgerlichen Leben – spätestens mit Ende des Studiums endet zumeist auch das politische Engagement – noch werden Fähigkeiten zur eigenständigen politisch-widerständigen Betätigung erlernt. Gleichzeitig wird aber das Gefühl vermittelt, mal so richtig was gegen das herrschende System gemacht zu haben (vgl. Punkt 2).
Auch im Kern der tatsächlichen Bewegung kommt es dabei zu keiner Weiterentwicklung, weil den Jahr für Jahr neu mobilisierten Menschen erst einmal grundlegende Fähigkeiten für die bloße Aktionsteilnahme vermittelt werden müssen. Ein Lernen aus Fehlern der vergangenen Aktionen ist nicht möglich, weil die vormals Beteiligten zu einem erheblichen Teil nicht mehr dabei sind (vgl. Punkt 2). Außerdem wächst die Bewegung nicht, kann also keine relevante Gegenmacht aufbauen.
Gleichzeitig gibt es aber den Selbstanspruch mit dem gleichbleibenden Ansatz erfolgreicher zu sein als im Vorjahr, der bei vielen erfahrenen Aktivist*innen zu extremen Ansprüchen an die eigene Arbeit führt und viel zu häufig mit dem Ausbrennen endet. Dadurch gehen wiederum Wissen und Fähigkeiten verloren, die Arbeit liegt auf noch weniger Schultern und es bleibt keine Zeit neuen Leuten, wenn diese überhaupt einen Zugang zur eigentlichen Bewegung finden, Fähigkeiten zu vermitteln.
2. Die doppelte „Selbstwirksamkeitsfalle“
Es steht außer Frage, dass sich in interventionistischen Aktionen das Gefühl dem herrschenden System ausgeliefert zu sein für einen begrenzten Zeitraum sehr konkret überwinden lässt und die eigene Handlungsfähigkeit spürbar wird. Das wirkt mitunter trotz des Risikos oder tatsächlicher psychischer, physischer und finanzieller Repression bestärkend und fühlt sich oft gut an.
Im besten Fall motiviert es Menschen sich auch über die konkrete Aktion hinaus in der Bewegung einzubringen, wenn es denn möglich ist einen Zugang zu finden. Die begeisterten Berichte der Neuen motiviert dann wieder die bisherige Orga und das Insta-Video über die Aktion hatte auch voll viele Aufrufe2. Es gab auch Presseberichte, also nicht nur in TAZ und ND. Und da schnappt sie zu, die Selbstwirksamkeitsfalle. Denn hat sich wirklich materiell etwas verändert? Oder hat sich zumindest der Diskurs so nachhaltig verändert, dass sich an der politischen Ausrichtung des Systems absehbar etwas ändern wird (vgl. Punkt 3)? Nüchtern betrachtet sind diese Fragen konsequent mit nein zu beantworten.
Der letzte materielle Erfolg den die Bewegung zu verzeichnen hat war der Atomausstieg und auch dieser ist nicht (allein) durch den Kampf der interventionistischen Bewegung, sondern erst nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima erreicht worden. Der politische „Erfolg“ des beschlossenen Kohleausstiegsdatums 2038 wird spätestens seit Merz Kanzler ist immer mehr in Frage stellt. Warum tappen wir dann immer wieder in die Selbstwirksamkeitsfalle?
Zum einen sind da der unbedingte Wille nach Erfolg (insbesondere in der Klimabewegung), die Notwenigkeit Erfolgsgeschichten zu erzählen, um bei der nächsten Aktion wieder neue Leute zu mobilisieren (vgl. Punkt 1), und das wir diese nach außen kommunizierten Erfolgsgeschichten auch selbst glauben, weil wir eben unbedingt Erfolge sehen wollen. So wird z.B. aus einer fünf mal online, im hintersten Winkel publizierten Agenturmeldung ganz schnell ein „Alle Medien berichten über unseren Protest“.
Zum anderen fehlt überwiegend die Kenntnis über die Perspektive derjenigen, die sich nach einmaliger Aktionsteilnahme frustriert von der Bewegung abwenden. Beispielsweise lagen die Aktionen in den Jahren 2021, 2022 und 2023 in ihrer Größe konstant bei rund 1000 teilnehmenden Personen3, gleichzeitig betrug der Anteil neuer Menschen Jahr für Jahr geschätzt zwischen 40 und 50 %. Das heißt also dass eine ebenso große Anzahl an Menschen für die Bewegung verloren ging. Die Gründe warum Menschen nicht erneut in Aktion gehen sind sicherlich vielfältig. Diese hohe Quote, in absoluten Zahlen bis zu 500 Personen pro Jahr, lässt sich aber ganz bestimmt nicht allein mit verschiedenen Protestorten, veränderten privaten Lebensumständen oder der Wirkung von Repression erklären.
Vielmehr werden Menschen mit dem Versprechen von Selbstwirksamkeit in die Aktion mobilisiert, erleben diese und stellen dann – wenn der Adrenalienrausch einmal abgeklungen ist – ernüchtert fest, dass sich durch die Aktion doch nichts geändert hat oder dass ihr Finger, der vielleicht heftige Polizeigewalt erfahren hat, nur Ablenkung für einen anderen klandestin organisierten kleinen Finger mit „höherem Impact“ war. Diese Menschen erleben die Selbstwirksamkeitsfalle bewusst, fühlen sich von Hochganz-Aftermovies verhöhnt und verlassen die Bewegung schnell wieder.
3. Die Erregung von Aufmerksamkeit als zentrales politisches Mittel
Zentrales Mittel interventionistischer Politik sind Aktionen zivilen Ungehorsames (ZU), die durch gezielte Gesetzesverstöße mediale Aufmerksamkeit generieren, damit gesellschaftliche Debatten beeinflussen, Diskurse nachhaltig verschieben und damit politische Entscheidungen herbeiführen sollen, die letztlich in materiellen Veränderungen resultieren. Dieser Ansatz muss als gescheitert betrachtet werden:
Zum einen ist die Erregung von Aufmerksamkeit durch ZU kein erfolgversprechendes Mittel (mehr). Denn seit jeher fordert die Medienlogik immer neue, krassere oder größere Aktionen, um ein gleichbleibendes Maß an Aufmerksamkeit zu bekommen, was allein aus den zuvor ausgeführten Punkten schwierig zu realisieren ist (vgl. Punkt 1 und Punkt 2). Zudem ist die Gesellschaft heute aber in einem „Zustand permanenter Erregung“, voller Eilmeldungen als Push-Notifications, Insta & TikTok Feeds. Das Leben in der Polykrise mit individuell immer dystopischer werdenden Lebensumständen, egal ob faktisch-materiell oder “nur“ in der eigenen Wahrnehmung, befeuert die Flucht in belanglosen Content, wahlweise in Form von Trash oder rage-bait. In Bezug auf den Klima-Kollaps tragen noch vers. Verdrängungsmechanismen dazu bei die Aufmerksamkeit eher auf andere Themen zu lenken.
Zum anderen führt die gesellschaftliche Fragmentierung dazu, dass es gar keinen tatsächlichen gesamtgesellschaftlichen Diskurs mehr gibt. Der gemeinsame Bezugspunkt der “Wikipedia-Tagesschau-Realität“, die unabhängig von der eigenen Haltung dazu als Basis für mehrheitsgesellschaftliche Diskurse betrachtet werden konnte, erodiert zunehmend und in den letzten Jahren immer schneller. Die gesellschaftliche Fragmentierung, die durch social-media-Blasen stark voran getrieben wurde, wird mit der allgegenwärtigen Präsenz von AI-Slop in naher Zukunft gesamtgesellschaftliche Diskurse verunmöglichen.
Aktionen, die vor 10 Jahren das Potential hatten zumindest gesamtgesellschaftliche Diskurse anzuregen, stellen so heute meist nur eine Randnotiz in der entsprechenden Blase dar. Nur bei bereits medial sehr präsenten Themen und entsprechend zeitnaher Intervention gelingt es noch einen gewissen Beitrag zur Debatte zu liefern. Ob der Aufwand und die häufig damit verbundene Repression im Verhältnis zu diesem maximal möglichen „Erfolg“ stehen, einen Beitrag im Diskurs mit weitgehend Gleichgesinnten gelandet zu haben, ist dennoch fraglich (vgl. Punkt 2 und Punkt 4).
4. Das Konzept des „produktiven Scheiterns“
In den Aktionen der interventionistischen Bewegung wird von vornherein nicht davon ausgegangen, dass die propagierten Ziele mit der Aktion erreicht werden können. Da die Interventionen zeitlich begrenzt sind und durch sie keine systemgefährdende Gegenmacht aufgebaut wird, zielt die einzelne Intervention auf eine stückweise Diskursverschiebung ab (vgl. Punkt 3). Durch die Diskurverschiebung infolge einer Reihe an sich scheiternder Aktionen soll letztendlich ein politischer Teilerfolg errungen werden, der sich langfristig in tatsächlichen, materiellen Veränderungen niederschlagen soll.
Die Erfolgswahrscheinlichkeit dieses Konzeptes wird schon allein aus den in Punkt 3 ausgeführten Gründen immer geringer. Über die Frage, ob das Konzept überhaupt grundsätzlich-theoretisch das Potential für wirkliche Systemveränderungen bieten könnte oder auf reformistische Veränderungen – die vom kapitalistischen System vereinnahmt werden können – begrenzt ist, lässt sich sicherlich streiten. Ebenso darüber was es über uns aussagt das eigene Scheitern von Anfang an einzuplanen.
Insbesondere in der Klimafrage stellt es aber ohnehin keinen tauglichen Ansatz (mehr) dar. Wir stehen aktuell (Stand Dezember 2025) bei 1,5 °C Erderwärmung, laut climate action tracker ist die aktuelle Perspektive 2,7 °C bis Ende des Jahrhunderts (veraltete Daten, keine Berücksichtigung von Kipppunkten).
Jedes Scheitern einer Intervention ist dabei zumindest ein Stück weit ein endgültiges Scheitern, denn einmal ausgestoßene Klimagase haben ja ab ihrer Emission direkte Auswirkungen und lassen sich auch nicht einfach in der Zukunft wieder einfangen und wirken jahrzehnte lang klimaerwärmend.
Die zeitliche Dynamik des Klimakollaps macht das Konzept weitgehend sinnfrei, was wiederum die Mobilisierung schwächt. Zudem lässt sich nur gegen bestehende und in begrenzterem Umfang auch gegen im Bau befindliche Infrastruktur intervenieren, aber nicht gegen Planungen oder für Alternativen (vgl. Punkt 5).
5. Der „Feuerwehr-“ und „Ufo-Aktivismus“
Auch diese Kritiken sind nicht neu, es findet sich aber erstaunlich wenig der Debatte darüber in verschriftlichter Form. Feuerwehraktivismus bezeichnet den zuvor skizzierten Fokus auf den Kampf gegen etwas das beendet oder verhindert werden soll. Der Kampf ist dabei aber immer nur reaktiv und zeigt selbst keine Vision oder Utopie auf, von Versuchen diese umzusetzen ganz zu schweigen.
Das kapitalistische System wird dabei nicht an sich herausgefordert, sondern es wird sich an einzelnen Aspekten abgearbeitet. Wo mal kleinere „Erfolge“ zu verzeichnen sind, weicht das System auf andere Wege aus oder findet neue. Prägnantest Beispiel dafür ist der Gaseinstieg nach Beschluss des Kohleausstiegs. Die Versuche der Diskursintervention, die sich gegen neue Projekte richten, starten meist zu einem sehr späten Zeitpunkt, wenn die politische Entscheidung schon lange gefallen und (Bau-)Verträge unterschrieben sind. Zudem gehen die Aktionen nicht nur medial unter (siehe Punkt 3), sondern sind vom System sowohl finanziell als auch von ihrer verzögernden Wirkung schon länger eingepreist.
Das alles klingt sehr deprimierend, aber zumindest vor Ort bekommen Menschen doch von den Aktionen mit und lokal widerständige Menschen werden in ihrem Handeln bestärkt, oder? Mit Ufoaktivismus wird das Phänomen beschrieben, dass bei Aktionen der interventionistischen Bewegung überwiegend Aktivist*innen von überall her an einem Ort für eine zeitlich begrenzte Aktion zusammenkommen, ohne Kenntnis und Rücksicht auf die lokalen Gegebenheiten und den schon lokal vorhandenen Widerstand.
Ohne diese kommt es jedoch nicht zu nachhaltigen Veränderungen vor Ort. Richtet sich die Aktion gegen einen Konzern, werden bei den Beschäftigten durch das Auftreten von anonymen Aktivist*innen, die zudem meinen alles besser zu wissen, tendenziell eher Abwehrreflexe bis hin zur Solidarisierung mit Arbeitgeber*innen, hervorgerufen.
Zwischen Aktivist*innen werden auch keine langfristigen Beziehungen aufgebaut, denn mit Ende der Aktion endet der gesamte Protest. Ist ja auch gar nicht nötig, schließlich wird beim nächsten mal wieder neu mobilisiert (vgl. Punkt 1).
Was nun?
Dieser Text beinhaltet bewusst keine Lösungsansätze. Nicht das es an interessanten alternativen politischen Ansätzen mangeln würde, die es wert sind ausprobiert zu werden. Sondern weil der Fokus auf den geschilderten Kritikpunkten liegen soll. Jedes Plädoyer für die eine oder andere Alternative zu weiteren vergeblichen interventionistischen Aktionen würde das Risiko bergen, den gedanklichen Fokus auf Für und Wider dieser Alternativen zu verlagern, anstatt über die eigentlichen Thesen zu reflektieren. Zudem gibt es für verschiedenste Ansätze entsprechende Literatur zur Einführung, die der Darstellung derselben viel besser gerecht wird…
Wenn dieser Text bei euch ein Nachdenken angestoßen hat, dann verbreitet ihn doch gern, diskutiert ihn in euren Zusammenhängen oder schickt uns Feedback an Thema-Kollektiv@Systemli.org.
P.S.:
Egal wie ihr euch zukünftig politisch organisiert, bitte bleibt emanzipatorisch und rennt nicht autoritären Kadern hinterher!
Zudem möchten wir euch noch diese beiden Texte empfehlen, die uns neben Anderem zur kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Praxis inspiriert haben:
Fußnoten:
1 Wir schreiben zwar aus der Position (ehemaliger) Klimaaktivistis mit den entsprechenden Erfahrungen und teilweise spezifischen Problemstellungen. Dennoch sind wir der Ansicht das sich große Teile der Argumentation auch auf andere Kampffelder übertragen lassen, da sie der interventionistischen Bewegungspolitik inhärent sind.
2 Also solange wir uns nur mit den sonstigen Aufrufen unserer eigenen Kanäle vergleichen. Im Vergleich mit Influencer*innen oder rechten Kanälen sieht es absolut bitter aus.
3 Dass die Mobilisierung der Initiative “Widersetzen“ mittlerweile deutlich erfolgreicher läuft als es beispielsweise “Ende Gelände“ je war, wollen wir natürlich nicht abstreiten. Ob sich trotz den Mobi-Profis von Marx21 nicht irgendwann massenhaft Leute der Selbstwirsamkeitsfalle bewusst werden bleibt zweifelhaft, schließlich ändern die Blockaden auch nichts und die Anzahl an Teilnehmer*innen bei “Ende Gelände“ Aktionen ging von 2015 bis 2019 auch stetig bergauf.

