Was Demos können und was nicht

Ob links-bürgerlich oder linksradikal, Demos sind in Deutschland vor allem langweilig und frustrierend – von Polizeigewalt und Schikanen mal abgesehen… Die Initiative „Demos neu denken“ bringt die zentralen Schwächen gängiger Demos in ihrem Text „5 Thesen und eine Vision zu Demos“ gelungen auf den Punkt. In einem Artikel in der Zeitung „Analyse & Kritik“ exerzieren sie dies an der Kampagne „Widersetzen“ durch. Der zentrale Take ist, dass Demos statt an Politik und Co zu appellieren, dem Bewegungsaufbau dienen könnten und sollten. Das ist durchaus sinnvoll. Aber was können Demos vielleicht noch? Und was können sie nicht? Darum geht es im Folgenden. Dabei dient der vergangene Kampf gegen die Klimakatastrophe als Anschauungsbeispiel.

  1. Demos können das Bewusstsein für ein Thema schaffen und stärken. Das hat die Klimabewegung unter anderem mit Demos zweifelsohne geschafft. Das Thema Klima war in aller Munde.
    Das Aufzeigen von Widerspruch, lässt sich ebenfalls durch (Gegen-)Demos vermitteln.
  2. Was ebenfalls mit Demos erreicht wurde, war das Gefühl mit dem drohenden Klimakollaps nicht alleine zu sein, nicht die einzige Person zu sein, die sieht, dass dringendst etwas getan werden muss. Außerdem kann die öffentliche Raumnahme durch eine Demo sowie das Herausschreien von Wut und Frust eine durchaus bereichernde Erfahrung sein.
  3. Solidaritätsbekundungen können auch durch Demos vermittelt werden. Anders als bei Punkt 2 geht es dabei darum, dass eine Gruppe von Menschen außerhalb der Demo erfahren sollen, dass sie nicht allein sind. Je unmittelbarer diese Solidaritätsbekundungen sind, desto wirksamer sind diese tendenziell. Bei einer Soli-Demo vor einer von Räumung bedrohten Waldbesetzung kommt die Message schließlich besser bei der Zielgruppe an, als bei einer Soli-Kundgebung in Deutschland für Communities im Globalen Süden. Solidaritätsbekundungen und praktische Solidarität sind natürlich auch zwei Paar Schuhe…
  4. Demos haben das Potenzial zu Mobilisieren und zu Politisieren. Die Klimabewegung hatte dies relativ gut hinbekommen. Entscheidend ist dabei unter anderem die gefühlte (oder auch tatsächliche) Selbstwirksamkeit. Diesen Punkt vermisst „Demos neu denken“ zu Recht in den aktuellen linken Bewegungen. Die anknüpfenden Fragen „Mobilisierung & Politisierung wohin bzw. wozu?“ werden auch viel zu selten gestellt. Das Fehlen niederschwelliger Basisorganisationen und der Hang zum Event- und Kampagnen-Aktivismus führt regelmäßig dazu, dass Menschen quasi ins Nichts mobilisiert werden und es schwer haben mit einer weiterführenden Politisierung.
  5. Imageschäden sind ein weitere Sache, die mit Demos erreicht werden können – sei es bei Unternehmen, Regierungen, einzelnen Parteien oder anderen Organisationen. Dafür sind allerdings drei Voraussetzungen entscheidend: 1. das Image ist für das Ziel von zentraler Bedeutung (vgl. Lifestyle-Unternehmen und Kohlekonzern), 2. das Image ist durch Skandal-Aufdeckungen und ähnliches effektiv angreifbar (vgl. Grüne und AfD) und 3. muss die mediale Selbstverteidigung des Ziels schwächer sein als der Angriff auf das Image. Mit Demos Imageschäden zu erreichen ist also sehr voraussetzungsvoll. Die Klimabewegung ist daran gescheitert. Greenwashing hat sich erfolgreich durchgesetzt.
  6. Theoretisch können Demos auch als Drohgebärde funktionieren. So zahnlos Demos hierzulande in den letzten Jahren waren, ist das momentan natürlich schwer vorstellbar. Auch Demos, die sich selbst als „kämpferisch“ oder ähnlich verbal-radikal bezeichnen, lassen die Herrschenden gähnend zurück und dienen mehr als Übungs- und Spielplatz eines zunehmend militarisierten Polizeiapparats. Vielmehr erreichen die meisten solcher Demos eher das Gegenteil einer Drohung. Auch ab von „kämpferischen“ Demos sind Demos, die wenig Teilnehmende und wenig Energie vorzuweisen haben, ein Zeichen dafür, dass das Thema der Demo nicht die Massen bewegt und schon gar nicht auf einen Aufstand o.ä. hinauslaufen wird. Die Klimabewegung hat keine Demos mit einem Droh-Charakter hervorgebracht, wohl aber nach der Hochzeit der Bewegung das Gegenteil mit entsprechenden Demos bewirkt…
  7. Das Versammlungsrecht bietet einen relativ weiten legalen Rahmen für Demos. So haben Teil der Klimabewegung Demos geschickt als Vehikel für Aktionen des zivilen Ungehorsam verwendet. Allerdings standen und stehen solche Aktionen vor teils ähnlichen Problemen, wie Demos, da auch sie vorrangig Appell-Charakter haben im Gegensatz zu direkten Aktionen.

Demos können also eigentlich eine ganze Menge. Ihre Potenziale werden mal besser und mal schlechter ausgeschöpft. Eine Sache können sie aber definitiv nicht. Sie können nicht die geforderten politischen Veränderungen herbeiführen. Warum? Die Antwort steckt indirekt bereits im vorigen Satz. Demos fordern Dinge, sie appellieren. Sie verändern nichts direkt selbst, sondern zielen darauf ab, dass andere wie Regierungen oder Unternehmen das Geforderte umsetzen. Da in aller Regel sehr gegensätzliche Interessen zwischen den Fordernden und den, die die Forderungen umsetzen sollen, besteht, werden diese Appelle unterm Strich ignoriert oder kaschiert (siehe Greenwashing). Die Klimabewegung kann da ein Lied von singen… Was fehlt, ist zumeist ein Hebel, der die Forderungen durchsetzbar macht. So lassen sich weder Klimakollaps noch der aufsteigende Faschismus wegappellieren.

Fazit:

Es ist sinnvoll, sich vor Augen zu führen, was die Aktionsform Demo erreichen kann und was nicht. So können Demos taktisch gezielt als ein politisches Mittel von vielen eingesetzt werden und nicht aus stumpfer Gewohnheit oder als Reflex auf Anlass XY veranstaltet werden.

System Change wann? Aktionen, die was bringen

Direkte Aktionstatt Bittstellerei

Der Irrglaube, mit dem Appellieren (Forderungen stellen) an das System – ganz gleich ob Politik, Wirtschaft, whatever –, das System verändern zu können, dominiert unsere Bewegung.

Mit Appellen wie Demos, Petitionen, symbolischen Aktionen usw. können wir auf Themen aufmerksam machen und sie in den Diskurs einbringen. Wobei es „den“ Diskurs so nicht mehr gibt. Die Gesellschaft ist so fragmentiert (vereinzelt in verschiedene Gesellschaftsteile), dass vielmehr zahlreiche Diskurse ziemlich losgelöst voneinander stattfinden. Angesichts der Vielzahl an Krisen, Kriegen & Katastrophen und der dauerhaften Reizüberflutung, fällt es oft auch einfach schwer neue Informationen aufzunehmen und sich damit dann auch entsprechend auseinanderzusetzen. Aber selbst, wenn wir dann mal nicht an den Medien in der Führung des Diskurses scheitern, wir mit der Aufmerksamkeitsökonomie, in der Aktionen immer größer, krasser oder neuartiger sein müssen, Schritt halten können und große Teile der Gesellschaft erreichen, müssen wir folgendes anerkennen: Der Diskurs kann nie einen System Change herbeiführen, da er stets im System erfolgt.

Eine Demo kann noch so groß sein, sie führt nie eine revolutionäre Veränderung herbei. Es bleibt stets ein Appell und Appelle werden ignoriert. Alle Bestandteile des Systems und seine Folgen sind keine Fehler im System, sondern zentraler Bestandteil von diesem. So ist bspw. Rassismus unerlässlich, um die neokoloniale Maschinerie am Laufen zu halten. Dazu kommt noch die Tatsache, dass wir in einer Verdrängungsgesellschaft leben. Die unlösbare Krise des Systems führt, dazu, dass sich das System immer offen autoritärer und gewaltsamer verteidigt, bis es irgendwann kollabiert.

Dementsprechend verhallt jeder Appell zur Behebung der „Fehler“ einfach. Es wird immer schwieriger und unwahrscheinlicher dem System irgendwelche Zugeständnisse abringen zu können. Solche dienen zur Befriedung, aber das ist offenkundig nicht mehr der Modus unserer Zeit…

Lasst uns nicht weiter an solcher Bittstellerei und Reformismus abarbeiten. Lasst uns einen revolutionären System Change selbst herbeiführen!

Natürlich bedeutet das nicht, dass appellative, symbolische Aktionen nichts bringen können. Sie können…

  • …ein Bewusstsein für Themen schaffen und stärken. Das ist ein guter erster Schritt. Entscheidend ist, was darauf folgt bzw. was der Hebel zur Veränderung sein kann.
  • …das Image von Institutionen, Parteien, Unternehmen usw. beeinflussen. Das ist, je nachdem um was oder wen es geht, unterschiedlich relevant. Oft ist das aber ein ungleicher Kampf, da auf der Gegenseite oft viel mehr Geld und andere Ressourcen zur Verfügung stehen.
  • …Menschen politisieren und mobilisieren. Dabei spielen das gemeinsame Zusammenkommen (z.B. bei Demos) und Erfahren vermeintlicher (manchmal auch tatsächlicher) Selbstwirksamkeit eine zentrale Rolle.
  • …eine Drohgebärde darstellen im Sinne von „Wenn ihr das und das (nicht) macht, machen wir Krawall!“. Das setzt ein entsprechend glaubwürdiges Auftreten voraus. Andernfalls kann so eine Aktion auch das genaue Gegenteil bewirken. Entscheidend dabei ist auch, dass in greifbarer Vergangenheit auch schon mal ernst gemacht wurde…

Diese Möglichkeiten sind, gerade im Hinblick auf einen System Change als Zielsetzung, schlichtweg unzureichend. Anstatt einer zentralen Rolle, sollte solche Aktionsformen eher eine unterstützende Rolle für direkte Aktionen zu Teil werden. Fraglich ist auch, ob appellative, symbolische Aktionen in den genannten Punkten besser geeignet sind als direkte Aktionen.

Selbstermächtigung statt Traumatisierung

Viele unserer gängigen Aktionsformen beinhalten die Konfrontation mit den Cops, ohne aber dieser Konfrontation standhalten zu können. So werden wir regelmäßig weggetragen, verprügelt und in ihre Zellen verschleppt. Das ist nicht gerade selbstermächtigend … Die damit einhergehenden physischen, psychischen und durch juristische Repressionen finanziellen Schäden werden oftmals als „notwendiges“ Übel hingenommen, statt durch die Wahl anderer Aktionsdesigns vermieden. Mackrige Möchtegern-Militante relativieren oder heroisieren das Ganze dann auch noch viel zu oft, was den Betroffenen überhaupt nicht hilft.

Und wollen wir nicht eigentlich mehr werden? Solche Aktionen wirken zu recht abschreckend auf viele. Wäre es nicht viel schöner, wenn unsere Aktionen stattdessen FOMO (fear of missing out) – also die Angst etwas zu verpassen – auslösen würden? Das soll kein Appell dafür sein, nur noch Party-Umzüge zu veranstalten – auch wenn Spaß auf Aktionen natürlich herzlich willkommen ist. Vielmehr sollten Teilnehmende unserer Aktionen Selbstermächtigung erfahren. Dazu sind tatsächliche Erfolge notwendig.

Aktionsziele

Klar, wir wollen einen System Change, aber welche Steps sind bis dahin zu absolvieren? Die Leitfrage ist wieder „Hilft diese oder jene Handlung, uns näher an das Ziel zu bringen oder nicht?“. Dafür sind klar definierte (also messbare) und auch erreichbare Ziele bei jeder Aktion wichtig. Grundlage muss eine Theory of Change sein – also einer Idee, wie ein System Change tatsächlich erreicht werden kann. Anhand dieser Ziele können wir planen, handeln und anschließend die Aktion auswerten.

Ein häufiges Problem bei Aktionszielen ist nämlich, dass nicht berücksichtigt wird, ob sie im Einklang mit der eigenen Strategie sind oder nicht, Das liegt oftmals daran, dass es gar keine (klare) Strategie gibt. Stattdessen sehen wir viel ziellosen, impulsiven Aktionismus. Es lohnt sich die Zeit zu nehmen um eine konkrete Strategie zu entwickeln und sich anschließend passende Taktiken und entsprechende Aktionen zu überlegen.

Bei der Auswahl der Aktionsziele gegen das System können diese Fragen helfen:

  • Treffen wir es damit, wo es wehtut?
  • Treffen wir es damit, wo es schwach ist?
  • Treffen wir es damit, wo es nicht erwartet wird?

Erreicht eine Aktion nicht ihr Ziel, ist sie gescheitert. Das heißt jedoch nicht, dass sie nichts Positives bewirkt hat. So kämpften die Suffragetten Anfang des 20. Jahrhunderts in Großbritannien nicht „nur“ für ein Frauenwahlrecht, sondern gegen das Patriarchat insgesamt. Nach langen, harten Kämpfen schafften sie zumindest ersteres. Viele soziale Bewegungen konnten ihre Ziele nicht vollständig, aber teilweise erreichen. Das wird auch als produktives Scheitern bezeichnet. Das kann eine revolutionäre Errungenschaft sein. Es kann aber auch ein Trostpflaster sein, das mithilfe einer ordentlichen Portion Selbstbetrug zu einer großen Errungenschaft verklärt wird. Oder es kann eben auch ein Zugeständnis sein, dass aus taktischem Kalkül zur Befriedung bzw. Ruhigstellung gegeben wird…

Der Punkt nun ist folgender: Im Hinblick auf eine Geschichte, die voll von produktivem und unproduktivem Scheitern ist, neigen wir als Bewegung immer mehr dazu das eigene Scheitern von vornherein mit einzuplanen. Das hat zur Folge, dass es gar keine richtigen Aktionsziele mehr gibt. Wenn eine Aktion dann doch mal zufällig klappt, versandet ihr Erfolg dann oft auch direkt wieder, weil kein Mensch es gewagt hat, einen darauf folgenden Schritt zu planen. Das soll nicht heißen, dass wir einfach wieder an uns glauben müssen. Das soll heißen, dass wir so planen sollten, dass unsere Aktionsziele auch Erfolg zum Ziel haben.

Aktionsmittel

Direkte Aktionen sind Aktionen, die unmittelbar zu Veränderungen führen. Das kann z.B. die Sabotage eines Kohlebaggers, der Hack eines Fascho-SocialMedia-Kanals oder die Bestreikung eines Betriebs sein. Aber direkte Aktionen allein werden uns nicht zum Ziel führen.

Eine Vielfalt der Aktionsmittel ist entscheidend („diversity of tactics“). Auch wenn direkte Aktionen im Zentrum stehen sollen, sind sie als Ergänzung der gängigen Aktionsformen zu betrachten.

Zum einen braucht es oft andere Aktionen für die Erklärbarkeit und somit auch Anschlussfähigkeit. Zum anderen kann es so zu Synergien und Flankeneffekten kommen. Synergien meint, dass verschiedene Aktionen ineinander greifen und sich so durch ihr Zusammenwirken gegenseitig bestärken. Flankeneffekte meint, dass radikalere Aktionen bzw. Positionen moderatere legitimieren. Wenn etwa beim Feilschen beim Verkauf einer Ware ein höherer Preis als angemessen als Ausgangspunkt angelegt wird, dann ist es wahrscheinlicher, dass am Ende der Preisverhandlung der angemessene Preis herauskommt, als wenn dieser der Ausgangspunkt gewesen wäre, da die*der Käufer*in so oder so den Preis herunter verhandeln möchte. (Das soll keineswegs heißen, dass radikale Ziele nicht angemessen sind, sondern lediglich als Erklärungshilfe dienen.)

Aktionsdarstellung

Ein besonderes Augenmerk sollte bei direkten Aktionen auf die Öffentlichkeitsarbeit gelegt werden. Zum einen bedarf es zwecks Anschlussfähigkeit oft einer Erklärung, warum zu diesem oder jenem Mittel gegriffen wurde und warum das notwendig ist. Zum anderen werden solche Aktionen gerne unter den Teppich gekehrt und nicht darüber berichtet.

Das passiert nicht, weil es an Nachrichtenwert fehlt, sondern weil die eigene Angreifbarkeit verborgen werden soll, da dies zum Beispiel Anhänger*innen oder Investor*innen abschrecken kann, und aus Angst vor Trittbrettfahrer*innen (Nachmacher*innen), die wir ja aber sehr gerne wollen. Mit unserer Öffentlichkeitsarbeit müssen wir also sicherstellen, dass unsere Aktionen und ihre Botschaften ihre Zielgruppen auch erreichen. Auf konventionelle Medien können wir uns da nicht verlassen – mal abgesehen davon, dass sie selten wohlwollend über solche Aktionen berichten …

Und ab davon ist die psychologische Wirkung von direkten Aktionen nicht zu vernachlässigen, ganz gleich, wie erfolgreich sie an sich bereits waren. Sie können im System für Verunsicherung und Demoralisierung sorgen, während sie uns enorm empowern können. Die Darstellung der erzielten Erfolge ist auch entscheidend, um attraktiv für mögliche Mitstreiter*innen und Unterstützer*innen zu werden.

Aktionsfrequenz und Aktionsorte

Kristallisationsorte, an denen sich Kämpfe zuspitzen, bieten enormes Potenzial bis hin zur Revolution. Aber dafür müssen die Umstände stimmen, und der Kampf muss bereits groß genug dafür sein. Davon sind wir aktuell weit entfernt. Es kann sinnvoll sein, (bis dahin) dezentral zu agieren. Guerilla-Taktiken können da manchmal größere Handlungsspielräume eröffnen als „das große Ding“, dem sich dann auch die Cops etc. hinorientieren und es schnell zu einem eins-zu-eins Kräftemessen kommt.

Zudem ist das System sehr resilient und kann einige Großaktionen im Jahr gut wegstecken, während sie uns viele Kapazitäten und Ressourcen kosten. Den Druck kontinuierlich aufrecht zu halten ist entscheidend. Reiner Event-Aktivismus bringt uns nicht voran. Es braucht also eine sorgfältige Abwägung, wie zentral oder dezentral ein Kampf zu führen ist.

Es ist sehr kräftezehrend, neue Kämpfe von Null aus aus dem Boden zu stampfen. Unser Kampf ist global. Es ist also ratsam, bestehende lokale Kämpfe groß zu machen und dort klar aufzuzeigen, dass sich diese in internationale Kämpfe einfügen, anstatt zu versuchen, die Kämpfe aus anderen Ländern hier zu kopieren ohne einen greifbaren Bezug.

Let’s fight for a System Change!

(Wohlfühl)-Aktivismus überwinden

Anmerkung zur Verwendung von Begriffen

Die Begriffe wie „Bewegung“, „Aktivismus“, „Aktionen“, „Gruppen“ sind jeweils als große Klammern und nicht zwingend im Wortlaut zu verstehen.

Das Problem mit dem Stellvertretungs-Aktivismus

Wofür machen wir eigentlich Aktivismus? Wofür oder wogegen sind wir aktiv? Beim „Wogegen“ finden sich leicht zahlreiche Antworten wie der Kampf gegen Kapitalismus, Patriarchat, Faschismus, Rassismus, Antisemitismus, Queerfeindlichkeit usw… Beim „Wofür“ wird es dann oft recht vage, was die Antworten anbelangt. Das ist eine äußerst wichtige Frage, die konkrete Antworten braucht, aber bleiben wir hier trotzdem mal bei dem „Wogegen“, da dort mehr Klarheit herrscht bzw. die Motivation bei vielen Aktivist*innen zu sein scheint.

Außerdem ein kurzer Blick auf die Menschen, die „die“ linke Bewegung in Deutschland bilden: Auch wenn wir keine statistischen Untersuchungen durchgeführt haben, können wir feststellen, dass der überwiegende Teil der Bewegung weiß ist, keine (nah zurückliegende) Migrationsgeschichte hat, aus der Mittelschicht stammt, keine Behinderungen hat und tendenziell akademisch ist. Kurz gesagt: Der Großteil von uns ist ziemlich privilegiert. Wir sehen, dass versucht wird Privilegien zu reflektieren, die Lebensrealität weniger/nicht privilegierter Menschen zu verstehen und zugänglicher zu werden, sodass diese Privilegien weniger Voraussetzung werden, um Teil der Bewegung zu werden. Das ist unglaublich wichtig und muss weiter aktiv vorangetrieben werden!

Kommen wir zurück zu dem „Wogegen“. Wenn jetzt bspw. Weiße sich gegen Rassismus oder cis Menschen gegen Transfeindlichkeit engagieren, ist das zunächst einmal eine super Sache. Dabei kämpfen sie gegen etwas, wovon sie selbst nicht betroffen sind. Neben Problemen, wie Weißes Rettertum[1], ist die Schwierigkeit hierbei zu erkennen, ob das jeweilige Engagement, die Veranstaltungen, Demos oder Aktionen etwas bringen, oder nicht. Warum? Zum einen ist es natürlich oft schwierig zu fassen, was bspw. diese oder jene Aktion gebracht hat, was durch Verzögerung von Ursache (hier die Aktion) und Wirkung (z.B. politische Veränderung) sowie durch zahlreiche andere Faktoren (z.B. wirtschaftliche Umstände) erschwert wird.

Zum anderen führt die mangelnde Betroffenheit dazu, dass es sehr schwer ist den Erfolg oder Misserfolg der Aktion beurteilen zu können.

Dazu kommt außerdem, dass Betroffene nicht gehört werden oder gar nicht Teil der jeweiligen Gruppe, die die Aktion durchgeführt hat, sind. Das ist fatal und führt letztendlich dazu, dass Sachen (nicht nur Aktionen) gemacht werden, die ineffektiv sind zum Erreichen der Ziele, wie z.B. Rassismus oder Transfeindlichkeit zu bekämpfen, und diese ineffektiven Sachen auch noch fortwährend wiederholt werden.

Warum fällt das so wenigen auf? Zunächst einmal gibt es oft keinen greifbaren Erfolg, wie wir festgestellt haben. Stattdessen wird der Erfolg anhand von Teilnehmer*innenzahlen, medialer Reichweite, Aufgebot der Cops oder anderen vermeintlichen Anhaltspunkten beurteilt. Daran anknüpfend, wollen wir folgende These aufstellen: Rational wollen wir, um bei dem Beispiel zu bleiben, Rassismus und Transfeindlichkeit natürlich bekämpfen. Emotional wollen wir (hier die nicht Betroffenen) jedoch vor allem eine*r von „den Guten“ sein. Dabei schwingt auch das (unterbewusste) Wissen mit, dass mensch aufgrund der eigenen Sozialisierung sich selbst auch nicht (völlig) freisprechen kann von Rassismus oder Transfeindlichkeit. So dient dann der eigene Aktivismus, die Aktionen etc. unbewusst vor allem dazu, sich selbst besser zu fühlen – vielleicht sich sogar moralisch überlegen gegenüber den Rest der Gesellschaft zu fühlen. Die eigentlichen Ziele bleiben dahinter zurück…

Die Lösung? Wir müssen als linke Bewegung mehr über das lernen, was wir bekämpfen wollen und unsere eigenen Privilegien entsprechend reflektieren. Wir müssen Betroffenen zuhören und Kritik annehmen und uns auch selbst stets konstruktiv kritisieren, um daran wachsen zu können. Und natürlich müssen wir offener und zugänglicher für Betroffene werden ohne sie auf die Betroffenheit zu reduzieren. All das ist weder bequem, noch einfach, aber notwendig, wenn wir es ernst meinen.

Das Problem mit der Selbstwirksamkeitsfalle

Der überwiegende Teil der Aktionen (hier als Sammelbegriff für Output) „der“ linken Bewegung sind appellativ. Das meint, dass die Aktionen selbst (im Gegensatz zu direkten Aktionen) nicht direkt zu Veränderungen führen, sondern die angestrebten Veränderungen mit Forderungen bzw. Appellen und Einwirken auf den Diskurs erreichen sollen.

Sobald die Appelle aber auf entschiedene Widerstände seitens Politik/Wirtschaft treffen, werden die Aktionen schnell völlig wirkungslos.

Außer Frage aber steht, dass sich diese Aktionen das Gefühl, dem herrschenden System ausgeliefert zu sein, für einen begrenzten Zeitraum sehr konkret überwinden lassen und die

eigene Handlungsfähigkeit spürbar wird. Das wirkt mitunter trotz psychischer und physischer Repression bestärkend und fühlt sich gut an. Mediale Reichweite kann zusätzlich bekräftigend wirken. Und da schnappt sie zu die Selbstwirksamkeitsfalle. Denn hat sich wirklich materiell etwas

verändert? Oder hat sich zumindest der Diskurs so nachhaltig verändert, dass sich an der politischen Ausrichtung des Systems absehbar etwas ändern wird? Nüchtern betrachtet sind diese Fragen zumeist mit „nein“ zu beantworten. So war bspw. der letzte nennenswerte materielle Erfolg der Umweltbewegung der Atomausstieg und auch dieser ist nicht allein durch den Kampf der Bewegung, sondern erst nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima erreicht worden.

Warum tappen wir immer wieder in die Selbstwirksamkeitsfalle? Zum einen sind da der unbedingte Wille nach Erfolg, die Notwenigkeit Erfolgsgeschichten zu erzählen, um medial gut wegzukommen, bei der nächsten Aktion wieder neue Leute zu mobilisieren und vor allem, dass wir unsere nach außen kommunizierten Erfolgsgeschichten auch selbst glauben, weil wir eben unbedingt Erfolge sehen wollen. So wird z.B. aus einer fünf mal online, im hintersten Winkel publizierten dpa-Meldung ganz schnell ein „Alle Medien berichten über den Protest!“.

Zum anderen fehlt vor diesem Hintergrund und von dem Hintergrund des oben geschilderten Stellvertretungs-Aktivismus regelmäßig eine nüchterne Auswertung der Aktionen.

Ein Presse-Screening – also zu schauen, wer, wo, wie über die Aktion berichtet und reagiert hat, ist für die Auswertung der eigenen Öffentlichkeitsarbeit wertvoll, aber darüber hinaus nicht zur Beurteilung des Aktionserfolgs, wenn dieser auf tatsächliche Veränderungen abzielt. Bei appellativen Aktionen ist das Messen des Erfolgs gar nicht so einfach, aber nicht weniger wichtig um zu schauen, was gut oder schlecht funktioniert für die nächste Aktion.

Klarheit beim Formulieren der Aktionsziele kann helfen sowie das genaue (manchmal langwierige) Beobachten des (Nicht-)Eintretens der erhofften Veränderungen.

Das Problem mit der Identitätspolitik

Grundsätzlich hat linke Identitätspolitik durchaus ein positives Potential. Allerdings sehen wir in der Bewegung (Szene miteingeschlossen) eine enorme Überbetonung der Identität, die zu viel Abgrenzung statt zu einem Zusammenrücken führt.

Es ist keine Identitätspolitik, die offen nach außen linke Identitäten attraktiv macht.

Vielmehr scheint es darum zu gehen, ein*e von „den Guten“ zu sein und sich von allen anderen mit anderen Ansichten, anderem politischen Ausdruck etc. abzugrenzen und auf diese hinab zu blicken. Dieses Verhalten sehen wir sowohl innerhalb der Bewegung als auch gegenüber Menschen der Mehrheitsgesellschaft. Konstruktive Diskussionen sind so kaum möglich und zugänglicher werden wir damit auch nicht.

Politische Ziele treten hinter dem Profilieren der eigenen Identität zurück. So drehen wir uns immer mehr um uns selbst – seien es die Themen in unseren Plena oder auf unseren Demos. Ein gutes Beispiel dafür sind linke 1.-Mai-Demos. Es wird von „den Arbeitern“ (hier bewusst nicht gegendert) oder noch schlimmer „dem Proletariat“ gesprochen, als würden wir gedanklich einige Jahrzehnte zurückhängen. Dann wird sich noch etwas mit den Cops gezankt. Die Bewegung schlurft jedes Jahr aufs Neue hin und jedes Jahr werden noch weniger Menschen damit erreicht.

Anschließend klopft mensch sich gegenseitig auf die Schultern und dann geht’s nach Hause. Und fertig ist die Bewegungsfolklore. Ironischerweise wissen immer weniger von uns, wofür der 1. Mai mal stand bevor er eine solche historische Anekdote (Erzählung) wurde…

Was hat das Ganze nun mit Wohlfühlaktivismus zu tun? Zum einen ist diese verzerrte Identitätspolitik gewissermaßen eine Realitätsflucht vor dem, was „da draußen“ ist. Da ziehen wir uns lieber zurück und beschäftigen uns mit uns selbst, was inzwischen eine eigene ungute Eigendynamik angenommen hat. Statt in die Mehrheitsgesellschaft hineinzuwirken drehen wir uns um uns selbst und verkaufen uns das als Aktivismus. Zum anderen ist diese nur möglich, weil wir, die privilegierte Mehrheit der Bewegung, (noch) glauben, dass wir uns sie leisten könnten. Es ist höchste Zeit die Bewegungsfolklore beiseite zu lassen und für unsere Sache zu kämpfen!

Es reicht nicht eine Subkultur zu sein. Wir müssen eine offene Gegenkultur aufbauen!

Das Problem mit dem Hedonismus

Wer sagt, dass wir keinen Spaß haben dürfen? Kein Mensch. Allerdings sehen wir in verschiedenen Kontexten, dass das, worauf Menschen Bock haben, im Fokus steht und nicht das, was sinnvollerweise angebracht wäre. Zum einen können wir nicht von politischer Arbeit reden und gleichzeitig versuchen einen System Change herbeizufeiern oder Auseinandersetzungen nur des Adrenalins wegen zu suchen und zu glauben, dass uns das voran bringt. Zum anderen bleiben so unliebsame Aufgaben, wie Orga- und Strukturaufgaben, Awareness- sowie Repro-Arbeit an den wenigen hängen, die sich erbarmen (hierbei spielt der patriarchale Normalzustand natürlich auch eine große Rolle), die mit mehr Ernsthaftigkeit und Entschlossenheit politisch arbeiten wollen.

Wir müssen eine gesunde Balance finden zwischen politischer Arbeit und Ausgleich. Dabei sollten wir auf eine gerechte Aufgabenverteilung mehr achten.

Das Problem mit dem Harmoniebedürfnis

Selbstprofilierung (siehe Identitätspolitik) und Rumgemacker (besonders patriarchales Verhalten) sind weder konstruktiv noch tragen sie zur Harmonie in unseren Gruppen bei. In Reaktion darauf versuchen einige Gruppen solches Verhalten zu überwinden und wollen so mehr Harmonie schaffen, was absolut richtig ist. Dem gehen oftmals entsprechende negative Erfahrungen voraus. Manche schaffen das recht erfolgreich.

Andere jedoch gleiten jedoch dahin ab, dass sich gegenseitig in Watte gepackt wird, um die scheinbare Harmonie um jeden Preis aufrecht zu halten. So werden belastende oder kontroverse Themen konsequent umschifft, schwierige Entscheidungen vertagt/vermieden, Konflikten in der Gruppe aus dem Weg gegangen und Frust herunter geschluckt. Auf den ersten Blick scheint oft alles in bester Ordnung zu sein und dass alle sich gegenseitig lieb hätten. Unter der Oberfläche brodelt es aber teilweise gewaltig…

Dass wir Selbstprofilierung und Rumgemacker überwinden müssen, steht außer Frage. Es bringt uns überhaupt nichts einander auseinanderzunehmen und ebenso wenig bringt es uns nichts, wenn wir uns nur in Watte packen. Vielmehr brauchen wir eine offene, ehrliche Streitkultur, die konstruktiv, fair und nicht verletzend ist.

Das Problem mit den Repressionen

Egal wie kämpferisch wir uns geben oder sind, wir müssen anerkennen, dass Repressionen wirken. Die, die bleiben, sehen wir und wollen wir sehen. Die, die einknicken, sehen wir viel weniger und wollen das oft auch gar nicht, da sie im Widerspruch dazu stehen, was wir nach außen tragen und selbst glauben wollen: „Ihr könnt uns nicht brechen, weil wir solidarisch zusammen stehen!“. Solidarität darf nicht bei finanzieller Solidarität oder gar bei bloßen Solidaritätsbekundungen stehen bleiben. Die Ausbaufähigkeit unserer Solidarität ist ein sehr wichtiges Thema, aber hier soll es um einen anderen Aspekt gehen. Und zwar um die Frage, warum Menschen bei Repressionen einknicken.

Zum einen sind da die verständlichen Reaktionen auf (krasse) Repressionen wie z.B. Traumatisierungen zu nennen. Da braucht es dann viel Zeit und Hilfe, um wieder klar zu kommen und das ist auch mit nichts kleinzureden. Und natürlich lässt sich auch kaum aus dem Knast heraus Aktivismus betreiben.

Zum anderen gibt es aber auch eine gewisse Bequemlichkeit. Wird es aufgrund von Repressionen ungemütlich z.B. durch das erzwungene Erscheinen vor Gericht, dann ziehen sich viele zurück – nicht weil es untragbar wäre weiter zu machen, aber es ist eben nicht mehr so bequem. Entscheidend dabei ist das Privileg entscheiden zu können, ob mensch weitermacht oder einknickt. Diese Wahl haben viele nicht, da ihr Aktivismus alternativlos ist. Zum Teil ist es gar eine Frage von Kämpfen oder Sterben.

Darüber hinaus ist die Bereitschaft Repressionen in Kauf zu nehmen, auch wenn diese zu kassieren natürlich kein vernünftiges Ziel ist, hierzulande vergleichsweise gering. Schauen wir bspw. nach Russland, wo Menschen für die simpelste Kritik an Putins Krieg ins Lager gesteckt werden und dennoch Menschen aktiv sind.

Oder schauen wir nach Südmexiko, wo Menschen zum Teil für die bloße Demonstration gegen Umweltzerstörung ermordet werden und trotz dieser krassen Bedrohung aktiv sind.

Ohne unsere Privilegien hier in Deutschland zu reflektieren und ohne die Bereitschaft Risiken für das Erreichen unserer Ziele einzugehen, werden wir weiterhin nicht weit kommen mit dem vorherrschenden Wohlfühlaktivismus.

Das Problem mit dem Aktivismusbegriff

Wenn es Aktivismus gibt, gibt es dann auch Passivismus? Das suggeriert (vermittelt) der Begriff „Aktivismus“ zumindest. Es scheint somit, als gäbe es aktive Menschen bzw. Aktivist*innen und passive oder inaktive Menschen.

Das ist natürlich völliger Quatsch. Nicht nur, weil auch das Private politisch ist, sondern auch weil jede einzelne Person in unterschiedlichster Art und Weise aktiv ist. So trägt bspw. die Arbeit für einen Kohlekonzern aktiv zum Weiter-so des fossil-kapitalistischen, umwelt- und klimazerstörenden Systems bei. Auch ein Nicht-Handeln kann ein hochgradig politisch sein. Die bewusste unterlassene staatliche Hilfeleistung bei flüchtenden Menschen in Seenot auf dem Mittelmeer ist dafür ein grausames Beispiel.

Der Begriff „Aktivismus“ zieht ein gedankliche Trennlinie zwischen Menschen, die sowohl aktiv als auch bewusst für politische Veränderungen eintreten, und Menschen, die das nicht tun. Das hat negative Folgen.

In Kombination mit der Professionalisierung von Aktivismus wird mit dem Begriff eine Hemmschwelle zum bewussten und aktiven politischen Handeln geschaffen. Immerhin gibt es so ja „die Aktivist*innen“, die die „Profis“ für (außerparlamentarische) politische Veränderung sind.

Neben dem Problem, dass Menschen sich somit weniger zutrauen bewusst politisch aktiv zu werden, wird so auch leicht die Verantwortung für politische Veränderung auf Aktivist*innen abgewälzt. Das führt zu absurden Ansichten wie, dass die Klimabewegung schuld daran sei, dass das Klima nicht gerettet wird/ wurde.

Insgesamt wird mit dem Aktivismus-Begriff das Empfinden bestärkt, dass Politik etwas von dem Leben der Menschen externes wäre. Die gewaltige Politik-Verdrossenheit wird somit weiter zementiert.

Das Selbstverständnis als Aktivist*in ist außerdem ein Ausdruck der bereits kritisierten vorherrschenden Identitätspolitik. Es fördert somit einen Selbst- und Szenebezug und die damit verbundene Abgrenzung. Außerdem fördert die damit einhergehende vermeintliche oder tatsächliche Professionalisierung und Expertise das Risiko von Abgehobenheit und damit auch von Autoritarismus.

Widersprüchlicherweise ist der Begriff „Aktivist*in“ relativ inhaltsleer für die Identitätsbildung. Die Faschos der Identitären Bewegung sind immerhin zweifelsohne auch Aktivist*innen – auch wenn ihre Ziele andere sind…

Was für Begriffe können wir statt „Aktivismus“ und „Aktivist*in“ verwenden? Lasst uns das Kind beim Namen nennen. So kann aus unkonkreten Aussagen wie „Ich mache Aktivismus.“ „Ich gebe Workshops zu den Themen XY und organisiere Demos dazu.“ werden. Die abstrakte Bezeichnung „Aktivist*in“ kann durch die Bezeichnung, wofür eine Person kämpft, ersetzt werden, wie bspw. Anarcho-Syndikalist*in oder Räte-Kommunist*in.


Fußnote [1]:
weißes Rettertum (White Saviorism): kolonialistisch-rassistische Annahme, dass BIPoC (Black, Indigenous, People of Color bzw. Schwarze, Indigene, Menschen von Farbe) von Weißen gerettet werden müssten und dass die als minderwertig wahrgenommenen BIPoC ohne Eingreifen, Unterweisung und Anleitung von Weißen nicht überlebensfähig wären

Was ist eigentlich eine Strategie? Und was eine Taktik?

Linke Strategien scheitern oft nicht, weil sie oft gar nicht erst vorhanden sind.“

Neben Linken, die sich in Elfenbeintürmen mit Theorie zum scheinbaren Selbstzweck beschäftigen, prägt zielloser Aktionismus „die“ linke Bewegung. Einige sind über den zugrundeliegenden Voluntarismus (Ansatz, dass sich Ziele allein durch genügend Wollen & Bemühen erreichen lassen würden) frustriert. Sie suchen infolgedessen nach einer Strategie, um Erfolg oder Misserfolg nicht dem Zufall zu überlassen. Für genau diese Menschen ist dieser Text. Denn was bei den verschiedenen Strategie-Debatten – so unterschiedlich sie inhaltlich auch sein mögen – auffällt, ist, dass viel Unklarheit darüber herrscht, was überhaupt eine Strategie ist und was sie von Taktiken und Plänen unterscheidet. Damit stehen die Strategie-Debatten auf sehr wackligen Beinen. Dieser Text möchte dafür eine Stütze bieten – ohne Anspruch, die einzig wahren unumstößlichen Definitionen zu liefern.

Für eine Strategie braucht es zunächst ein Ziel. Dieses ergibt sich klassischerweise aus ethisch-moralischen Werten (z.B. soziale Gerechtigkeit), Analyse (Bsp: „Wir leben in einer patriarchalen Gesellschaft.“) und darauf aufbauender Kritik (Bsp: „Das Patriarchat ist ein zutiefst ungerechtes System.“). Das Ziel sollte konkret definiert sein. Ist es zu schwammig, können alle folgenden Schritte nicht richtig funktionieren. Das angestrebte Ergebnis muss definiert werden. Dabei kann die SMART-Methode helfen: Ist die Strategie spezifisch definiert? Ist ihre Wirkung messbar? Ist sie attraktiv? Ist sie realistisch? Und ist sie terminiert?

Eine Strategie muss eine Entscheidung zwischen mindestens zwei validen Optionen sein. Das kann die Übernahme (und Anpassung) einer bestehenden oder vergangenen Strategie sein oder das Erfinden einer völlig neuen Strategie. So verwenden bspw. unterschiedliche Akteure derzeit unterschiedliche Strategien gegen die AfD an: Ausgrenzung, Konfrontation, Repression, Themenübernahme, Einbindung, Selbstzerlegung, Gegenmobilisierung usw… Auch wenn diese Strategien (bislang) nicht funktioniert haben (Beitrag dazu: https://kurzlinks.de/bkpv), sind diese, von ihrem Startpunkt aus gedacht, valide Optionen, da sie eine Chance auf die Erreichung des Ziels, die AfD zu stoppen, bieten bzw. boten. Die AfD zu ignorieren bzw. einfach machen zu lassen, wäre ein Beispiel für eine nicht-valide Option. „Wie werden wir gewinnen?“ kann eine gute Leitfrage bei der Strategie-Suche sein.

Eine bloße Ansammlung von Maßnahmen wie Demos veranstalten und Aufklärungsvideos drehen, ist keine Strategie. Eine Strategie beschreibt möglichst ganzheitlich eine fundamentale Idee. Sie kreiert eine Theorie zum angestrebten Erfolg. Dabei braucht sie gar nicht lang zu sein. Sie legt vielmehr den Grundrahmen fest, an dem sich alle folgenden Schritte (Taktiken, Pläne, Maßnahmen) orientieren werden. Tut sich nach einer Kampagne, Aktion oder dergleichen ein Loch auf und die Frage „Wie anknüpfen? Wie weiter?“ steht im Raum, ist diese Orientierungslosigkeit ein Zeichen für einen Strategiemangel.

„Ich bin wie ein Hund, der Autos nachjagt. Ich wüsste gar nicht, was ich tun würde, wenn ich mal eins erwische…“ – Joker in „Batman: The Dark Knight“

Bei Strategien wird vom Soll- und nicht vom Ist-Zustand aus gedacht. Im Gegensatz zu Plänen geht es hierbei also noch nicht darum, die gegebenen Ressourcen, wie vorhandene Skills oder Mitgliederanzahl, bestmöglich zu nutzen. Stattdessen geht es vor allem um Dinge, die nicht (unmittelbar) in der eigenen Kontrolle liegen, wie z.B. Diskurse. Unsicherheiten und das Risiko von Fehlschlägen sind dementsprechend größer als bei den nachfolgenden Schritten. Die Theorie und Annahmen der Strategie können sich schließlich erst mit der Umsetzung beweisen.

Soweit, so theoretisch – schauen wir uns mal eine sehr gängige, größtenteils gescheiterte, Strategie „der“ Linken Bewegung grob vereinfacht an: „Wir wollen, dass Papi Staat Politik in unserem Sinne macht (zB echten Klimaschutz). Wir glauben, dass Diskurse einen nennenswerten Einfluss auf die Politik des Staats haben. Deshalb werden wir in die Diskurse eingreifen (intervenieren), um so die staatliche Politik zu verändern.“. Mit diesem Beispiel einer Strategie im Hinterkopf, kommen wir nun zu den nächsten Schritten.

Zur Realisierung einer Strategie braucht es als nächstes Taktiken. Das sind Ansätze und Konzepte zum Erreichen von Zwischen- oder Teilzielen. Sie können recht simpel oder auch sehr komplex sein. So kann ihre Ausformulierung auch schon mal bedeutend umfassender als die Formulierung der Strategie sein. Während Strategien eher auf lange Zeiträume angelegt sind, sind Taktiken eher dynamisch. Sie lassen sich quasi wie Spielzüge betrachten.

Eine häufige Taktik im Kontext unseres Strategie-Beispiels ist: „ Wir machen symbolische Aktionen, die für mediales Aufsehen sorgen. Durch diese Präsenz in den Medien soll der Diskurs verändert werden.“

Auf die Wahl der Taktik(en) folgt ein entsprechender Plan. Bei einem Plan geht es um die Frage, wie die Taktik ganz konkret umgesetzt wird. Welche Ressourcen braucht es? Was steht zur Verfügung und was braucht es noch? Und so weiter …

In unserem Beispiel könnte das z.B. Folgendes bedeuten: „Zum Tag XY veranstalten wir in allen größeren Städten möglichst große Latschdemos. Dazu brauchen wir …“

Schlussendlich kommen wir zu den Maßnahmen. Das sind die ganzen verschiedenen Handlungen zur Umsetzung der Pläne.

In unserem Beispiel: „Wir planen Demo-Routen, melden die Demos an, machen Mobi mittels Social Media und Plakaten usw. …“

Nach der Umsetzung erfolgt die Reflexion und gegebenenfalls Anpassungen auf den verschiedenen Ebenen. Dabei ist zu beachten, dass Strategien und komplexere Taktiken auf längere Zeit angelegt sind, weshalb nicht jeder Fehlschlag gleich dazu führen muss, dass eine Strategie oder Taktik über den Haufen geworfen werden muss. Gleichzeitig ist das Festhalten an gescheiterten Strategien keine löbliche Beharrlichkeit, sondern Verdrängung des Schmerzes des Scheiterns und die Prokrastination einer neuen Strategiesuche. Desweiteren gehört zur Reflexion das Abgleichen des Handelns mit den eigenen Werten.

Fazit: Wer den Erfolg des eigenen Engagements nicht dem Zufall oder das Denken anderen überlassen möchte, braucht eine solide Strategie und eine konsequente Umsetzung dieser in allen Schritten.