System Change wann? Aktionen, die was bringen

Direkte Aktionstatt Bittstellerei

Der Irrglaube, mit dem Appellieren (Forderungen stellen) an das System – ganz gleich ob Politik, Wirtschaft, whatever –, das System verändern zu können, dominiert unsere Bewegung.

Mit Appellen wie Demos, Petitionen, symbolischen Aktionen usw. können wir auf Themen aufmerksam machen und sie in den Diskurs einbringen. Wobei es „den“ Diskurs so nicht mehr gibt. Die Gesellschaft ist so fragmentiert (vereinzelt in verschiedene Gesellschaftsteile), dass vielmehr zahlreiche Diskurse ziemlich losgelöst voneinander stattfinden. Angesichts der Vielzahl an Krisen, Kriegen & Katastrophen und der dauerhaften Reizüberflutung, fällt es oft auch einfach schwer neue Informationen aufzunehmen und sich damit dann auch entsprechend auseinanderzusetzen. Aber selbst, wenn wir dann mal nicht an den Medien in der Führung des Diskurses scheitern, wir mit der Aufmerksamkeitsökonomie, in der Aktionen immer größer, krasser oder neuartiger sein müssen, Schritt halten können und große Teile der Gesellschaft erreichen, müssen wir folgendes anerkennen: Der Diskurs kann nie einen System Change herbeiführen, da er stets im System erfolgt.

Eine Demo kann noch so groß sein, sie führt nie eine revolutionäre Veränderung herbei. Es bleibt stets ein Appell und Appelle werden ignoriert. Alle Bestandteile des Systems und seine Folgen sind keine Fehler im System, sondern zentraler Bestandteil von diesem. So ist bspw. Rassismus unerlässlich, um die neokoloniale Maschinerie am Laufen zu halten. Dazu kommt noch die Tatsache, dass wir in einer Verdrängungsgesellschaft leben. Die unlösbare Krise des Systems führt, dazu, dass sich das System immer offen autoritärer und gewaltsamer verteidigt, bis es irgendwann kollabiert.

Dementsprechend verhallt jeder Appell zur Behebung der „Fehler“ einfach. Es wird immer schwieriger und unwahrscheinlicher dem System irgendwelche Zugeständnisse abringen zu können. Solche dienen zur Befriedung, aber das ist offenkundig nicht mehr der Modus unserer Zeit…

Lasst uns nicht weiter an solcher Bittstellerei und Reformismus abarbeiten. Lasst uns einen revolutionären System Change selbst herbeiführen!

Natürlich bedeutet das nicht, dass appellative, symbolische Aktionen nichts bringen können. Sie können…

  • …ein Bewusstsein für Themen schaffen und stärken. Das ist ein guter erster Schritt. Entscheidend ist, was darauf folgt bzw. was der Hebel zur Veränderung sein kann.
  • …das Image von Institutionen, Parteien, Unternehmen usw. beeinflussen. Das ist, je nachdem um was oder wen es geht, unterschiedlich relevant. Oft ist das aber ein ungleicher Kampf, da auf der Gegenseite oft viel mehr Geld und andere Ressourcen zur Verfügung stehen.
  • …Menschen politisieren und mobilisieren. Dabei spielen das gemeinsame Zusammenkommen (z.B. bei Demos) und Erfahren vermeintlicher (manchmal auch tatsächlicher) Selbstwirksamkeit eine zentrale Rolle.
  • …eine Drohgebärde darstellen im Sinne von „Wenn ihr das und das (nicht) macht, machen wir Krawall!“. Das setzt ein entsprechend glaubwürdiges Auftreten voraus. Andernfalls kann so eine Aktion auch das genaue Gegenteil bewirken. Entscheidend dabei ist auch, dass in greifbarer Vergangenheit auch schon mal ernst gemacht wurde…

Diese Möglichkeiten sind, gerade im Hinblick auf einen System Change als Zielsetzung, schlichtweg unzureichend. Anstatt einer zentralen Rolle, sollte solche Aktionsformen eher eine unterstützende Rolle für direkte Aktionen zu Teil werden. Fraglich ist auch, ob appellative, symbolische Aktionen in den genannten Punkten besser geeignet sind als direkte Aktionen.

Selbstermächtigung statt Traumatisierung

Viele unserer gängigen Aktionsformen beinhalten die Konfrontation mit den Cops, ohne aber dieser Konfrontation standhalten zu können. So werden wir regelmäßig weggetragen, verprügelt und in ihre Zellen verschleppt. Das ist nicht gerade selbstermächtigend … Die damit einhergehenden physischen, psychischen und durch juristische Repressionen finanziellen Schäden werden oftmals als „notwendiges“ Übel hingenommen, statt durch die Wahl anderer Aktionsdesigns vermieden. Mackrige Möchtegern-Militante relativieren oder heroisieren das Ganze dann auch noch viel zu oft, was den Betroffenen überhaupt nicht hilft.

Und wollen wir nicht eigentlich mehr werden? Solche Aktionen wirken zu recht abschreckend auf viele. Wäre es nicht viel schöner, wenn unsere Aktionen stattdessen FOMO (fear of missing out) – also die Angst etwas zu verpassen – auslösen würden? Das soll kein Appell dafür sein, nur noch Party-Umzüge zu veranstalten – auch wenn Spaß auf Aktionen natürlich herzlich willkommen ist. Vielmehr sollten Teilnehmende unserer Aktionen Selbstermächtigung erfahren. Dazu sind tatsächliche Erfolge notwendig.

Aktionsziele

Klar, wir wollen einen System Change, aber welche Steps sind bis dahin zu absolvieren? Die Leitfrage ist wieder „Hilft diese oder jene Handlung, uns näher an das Ziel zu bringen oder nicht?“. Dafür sind klar definierte (also messbare) und auch erreichbare Ziele bei jeder Aktion wichtig. Grundlage muss eine Theory of Change sein – also einer Idee, wie ein System Change tatsächlich erreicht werden kann. Anhand dieser Ziele können wir planen, handeln und anschließend die Aktion auswerten.

Ein häufiges Problem bei Aktionszielen ist nämlich, dass nicht berücksichtigt wird, ob sie im Einklang mit der eigenen Strategie sind oder nicht, Das liegt oftmals daran, dass es gar keine (klare) Strategie gibt. Stattdessen sehen wir viel ziellosen, impulsiven Aktionismus. Es lohnt sich die Zeit zu nehmen um eine konkrete Strategie zu entwickeln und sich anschließend passende Taktiken und entsprechende Aktionen zu überlegen.

Bei der Auswahl der Aktionsziele gegen das System können diese Fragen helfen:

  • Treffen wir es damit, wo es wehtut?
  • Treffen wir es damit, wo es schwach ist?
  • Treffen wir es damit, wo es nicht erwartet wird?

Erreicht eine Aktion nicht ihr Ziel, ist sie gescheitert. Das heißt jedoch nicht, dass sie nichts Positives bewirkt hat. So kämpften die Suffragetten Anfang des 20. Jahrhunderts in Großbritannien nicht „nur“ für ein Frauenwahlrecht, sondern gegen das Patriarchat insgesamt. Nach langen, harten Kämpfen schafften sie zumindest ersteres. Viele soziale Bewegungen konnten ihre Ziele nicht vollständig, aber teilweise erreichen. Das wird auch als produktives Scheitern bezeichnet. Das kann eine revolutionäre Errungenschaft sein. Es kann aber auch ein Trostpflaster sein, das mithilfe einer ordentlichen Portion Selbstbetrug zu einer großen Errungenschaft verklärt wird. Oder es kann eben auch ein Zugeständnis sein, dass aus taktischem Kalkül zur Befriedung bzw. Ruhigstellung gegeben wird…

Der Punkt nun ist folgender: Im Hinblick auf eine Geschichte, die voll von produktivem und unproduktivem Scheitern ist, neigen wir als Bewegung immer mehr dazu das eigene Scheitern von vornherein mit einzuplanen. Das hat zur Folge, dass es gar keine richtigen Aktionsziele mehr gibt. Wenn eine Aktion dann doch mal zufällig klappt, versandet ihr Erfolg dann oft auch direkt wieder, weil kein Mensch es gewagt hat, einen darauf folgenden Schritt zu planen. Das soll nicht heißen, dass wir einfach wieder an uns glauben müssen. Das soll heißen, dass wir so planen sollten, dass unsere Aktionsziele auch Erfolg zum Ziel haben.

Aktionsmittel

Direkte Aktionen sind Aktionen, die unmittelbar zu Veränderungen führen. Das kann z.B. die Sabotage eines Kohlebaggers, der Hack eines Fascho-SocialMedia-Kanals oder die Bestreikung eines Betriebs sein. Aber direkte Aktionen allein werden uns nicht zum Ziel führen.

Eine Vielfalt der Aktionsmittel ist entscheidend („diversity of tactics“). Auch wenn direkte Aktionen im Zentrum stehen sollen, sind sie als Ergänzung der gängigen Aktionsformen zu betrachten.

Zum einen braucht es oft andere Aktionen für die Erklärbarkeit und somit auch Anschlussfähigkeit. Zum anderen kann es so zu Synergien und Flankeneffekten kommen. Synergien meint, dass verschiedene Aktionen ineinander greifen und sich so durch ihr Zusammenwirken gegenseitig bestärken. Flankeneffekte meint, dass radikalere Aktionen bzw. Positionen moderatere legitimieren. Wenn etwa beim Feilschen beim Verkauf einer Ware ein höherer Preis als angemessen als Ausgangspunkt angelegt wird, dann ist es wahrscheinlicher, dass am Ende der Preisverhandlung der angemessene Preis herauskommt, als wenn dieser der Ausgangspunkt gewesen wäre, da die*der Käufer*in so oder so den Preis herunter verhandeln möchte. (Das soll keineswegs heißen, dass radikale Ziele nicht angemessen sind, sondern lediglich als Erklärungshilfe dienen.)

Aktionsdarstellung

Ein besonderes Augenmerk sollte bei direkten Aktionen auf die Öffentlichkeitsarbeit gelegt werden. Zum einen bedarf es zwecks Anschlussfähigkeit oft einer Erklärung, warum zu diesem oder jenem Mittel gegriffen wurde und warum das notwendig ist. Zum anderen werden solche Aktionen gerne unter den Teppich gekehrt und nicht darüber berichtet.

Das passiert nicht, weil es an Nachrichtenwert fehlt, sondern weil die eigene Angreifbarkeit verborgen werden soll, da dies zum Beispiel Anhänger*innen oder Investor*innen abschrecken kann, und aus Angst vor Trittbrettfahrer*innen (Nachmacher*innen), die wir ja aber sehr gerne wollen. Mit unserer Öffentlichkeitsarbeit müssen wir also sicherstellen, dass unsere Aktionen und ihre Botschaften ihre Zielgruppen auch erreichen. Auf konventionelle Medien können wir uns da nicht verlassen – mal abgesehen davon, dass sie selten wohlwollend über solche Aktionen berichten …

Und ab davon ist die psychologische Wirkung von direkten Aktionen nicht zu vernachlässigen, ganz gleich, wie erfolgreich sie an sich bereits waren. Sie können im System für Verunsicherung und Demoralisierung sorgen, während sie uns enorm empowern können. Die Darstellung der erzielten Erfolge ist auch entscheidend, um attraktiv für mögliche Mitstreiter*innen und Unterstützer*innen zu werden.

Aktionsfrequenz und Aktionsorte

Kristallisationsorte, an denen sich Kämpfe zuspitzen, bieten enormes Potenzial bis hin zur Revolution. Aber dafür müssen die Umstände stimmen, und der Kampf muss bereits groß genug dafür sein. Davon sind wir aktuell weit entfernt. Es kann sinnvoll sein, (bis dahin) dezentral zu agieren. Guerilla-Taktiken können da manchmal größere Handlungsspielräume eröffnen als „das große Ding“, dem sich dann auch die Cops etc. hinorientieren und es schnell zu einem eins-zu-eins Kräftemessen kommt.

Zudem ist das System sehr resilient und kann einige Großaktionen im Jahr gut wegstecken, während sie uns viele Kapazitäten und Ressourcen kosten. Den Druck kontinuierlich aufrecht zu halten ist entscheidend. Reiner Event-Aktivismus bringt uns nicht voran. Es braucht also eine sorgfältige Abwägung, wie zentral oder dezentral ein Kampf zu führen ist.

Es ist sehr kräftezehrend, neue Kämpfe von Null aus aus dem Boden zu stampfen. Unser Kampf ist global. Es ist also ratsam, bestehende lokale Kämpfe groß zu machen und dort klar aufzuzeigen, dass sich diese in internationale Kämpfe einfügen, anstatt zu versuchen, die Kämpfe aus anderen Ländern hier zu kopieren ohne einen greifbaren Bezug.

Let’s fight for a System Change!