„Linke Strategien scheitern oft nicht, weil sie oft gar nicht erst vorhanden sind.“
Neben Linken, die sich in Elfenbeintürmen mit Theorie zum scheinbaren Selbstzweck beschäftigen, prägt zielloser Aktionismus „die“ linke Bewegung. Einige sind über den zugrundeliegenden Voluntarismus (Ansatz, dass sich Ziele allein durch genügend Wollen & Bemühen erreichen lassen würden) frustriert. Sie suchen infolgedessen nach einer Strategie, um Erfolg oder Misserfolg nicht dem Zufall zu überlassen. Für genau diese Menschen ist dieser Text. Denn was bei den verschiedenen Strategie-Debatten – so unterschiedlich sie inhaltlich auch sein mögen – auffällt, ist, dass viel Unklarheit darüber herrscht, was überhaupt eine Strategie ist und was sie von Taktiken und Plänen unterscheidet. Damit stehen die Strategie-Debatten auf sehr wackligen Beinen. Dieser Text möchte dafür eine Stütze bieten – ohne Anspruch, die einzig wahren unumstößlichen Definitionen zu liefern.

Für eine Strategie braucht es zunächst ein Ziel. Dieses ergibt sich klassischerweise aus ethisch-moralischen Werten (z.B. soziale Gerechtigkeit), Analyse (Bsp: „Wir leben in einer patriarchalen Gesellschaft.“) und darauf aufbauender Kritik (Bsp: „Das Patriarchat ist ein zutiefst ungerechtes System.“). Das Ziel sollte konkret definiert sein. Ist es zu schwammig, können alle folgenden Schritte nicht richtig funktionieren. Das angestrebte Ergebnis muss definiert werden. Dabei kann die SMART-Methode helfen: Ist die Strategie spezifisch definiert? Ist ihre Wirkung messbar? Ist sie attraktiv? Ist sie realistisch? Und ist sie terminiert?
Eine Strategie muss eine Entscheidung zwischen mindestens zwei validen Optionen sein. Das kann die Übernahme (und Anpassung) einer bestehenden oder vergangenen Strategie sein oder das Erfinden einer völlig neuen Strategie. So verwenden bspw. unterschiedliche Akteure derzeit unterschiedliche Strategien gegen die AfD an: Ausgrenzung, Konfrontation, Repression, Themenübernahme, Einbindung, Selbstzerlegung, Gegenmobilisierung usw… Auch wenn diese Strategien (bislang) nicht funktioniert haben (Beitrag dazu: https://kurzlinks.de/bkpv), sind diese, von ihrem Startpunkt aus gedacht, valide Optionen, da sie eine Chance auf die Erreichung des Ziels, die AfD zu stoppen, bieten bzw. boten. Die AfD zu ignorieren bzw. einfach machen zu lassen, wäre ein Beispiel für eine nicht-valide Option. „Wie werden wir gewinnen?“ kann eine gute Leitfrage bei der Strategie-Suche sein.
Eine bloße Ansammlung von Maßnahmen wie Demos veranstalten und Aufklärungsvideos drehen, ist keine Strategie. Eine Strategie beschreibt möglichst ganzheitlich eine fundamentale Idee. Sie kreiert eine Theorie zum angestrebten Erfolg. Dabei braucht sie gar nicht lang zu sein. Sie legt vielmehr den Grundrahmen fest, an dem sich alle folgenden Schritte (Taktiken, Pläne, Maßnahmen) orientieren werden. Tut sich nach einer Kampagne, Aktion oder dergleichen ein Loch auf und die Frage „Wie anknüpfen? Wie weiter?“ steht im Raum, ist diese Orientierungslosigkeit ein Zeichen für einen Strategiemangel.
„Ich bin wie ein Hund, der Autos nachjagt. Ich wüsste gar nicht, was ich tun würde, wenn ich mal eins erwische…“ – Joker in „Batman: The Dark Knight“
Bei Strategien wird vom Soll- und nicht vom Ist-Zustand aus gedacht. Im Gegensatz zu Plänen geht es hierbei also noch nicht darum, die gegebenen Ressourcen, wie vorhandene Skills oder Mitgliederanzahl, bestmöglich zu nutzen. Stattdessen geht es vor allem um Dinge, die nicht (unmittelbar) in der eigenen Kontrolle liegen, wie z.B. Diskurse. Unsicherheiten und das Risiko von Fehlschlägen sind dementsprechend größer als bei den nachfolgenden Schritten. Die Theorie und Annahmen der Strategie können sich schließlich erst mit der Umsetzung beweisen.
Soweit, so theoretisch – schauen wir uns mal eine sehr gängige, größtenteils gescheiterte, Strategie „der“ Linken Bewegung grob vereinfacht an: „Wir wollen, dass Papi Staat Politik in unserem Sinne macht (zB echten Klimaschutz). Wir glauben, dass Diskurse einen nennenswerten Einfluss auf die Politik des Staats haben. Deshalb werden wir in die Diskurse eingreifen (intervenieren), um so die staatliche Politik zu verändern.“. Mit diesem Beispiel einer Strategie im Hinterkopf, kommen wir nun zu den nächsten Schritten.
Zur Realisierung einer Strategie braucht es als nächstes Taktiken. Das sind Ansätze und Konzepte zum Erreichen von Zwischen- oder Teilzielen. Sie können recht simpel oder auch sehr komplex sein. So kann ihre Ausformulierung auch schon mal bedeutend umfassender als die Formulierung der Strategie sein. Während Strategien eher auf lange Zeiträume angelegt sind, sind Taktiken eher dynamisch. Sie lassen sich quasi wie Spielzüge betrachten.
Eine häufige Taktik im Kontext unseres Strategie-Beispiels ist: „ Wir machen symbolische Aktionen, die für mediales Aufsehen sorgen. Durch diese Präsenz in den Medien soll der Diskurs verändert werden.“
Auf die Wahl der Taktik(en) folgt ein entsprechender Plan. Bei einem Plan geht es um die Frage, wie die Taktik ganz konkret umgesetzt wird. Welche Ressourcen braucht es? Was steht zur Verfügung und was braucht es noch? Und so weiter …
In unserem Beispiel könnte das z.B. Folgendes bedeuten: „Zum Tag XY veranstalten wir in allen größeren Städten möglichst große Latschdemos. Dazu brauchen wir …“
Schlussendlich kommen wir zu den Maßnahmen. Das sind die ganzen verschiedenen Handlungen zur Umsetzung der Pläne.
In unserem Beispiel: „Wir planen Demo-Routen, melden die Demos an, machen Mobi mittels Social Media und Plakaten usw. …“
Nach der Umsetzung erfolgt die Reflexion und gegebenenfalls Anpassungen auf den verschiedenen Ebenen. Dabei ist zu beachten, dass Strategien und komplexere Taktiken auf längere Zeit angelegt sind, weshalb nicht jeder Fehlschlag gleich dazu führen muss, dass eine Strategie oder Taktik über den Haufen geworfen werden muss. Gleichzeitig ist das Festhalten an gescheiterten Strategien keine löbliche Beharrlichkeit, sondern Verdrängung des Schmerzes des Scheiterns und die Prokrastination einer neuen Strategiesuche. Desweiteren gehört zur Reflexion das Abgleichen des Handelns mit den eigenen Werten.
Fazit: Wer den Erfolg des eigenen Engagements nicht dem Zufall oder das Denken anderen überlassen möchte, braucht eine solide Strategie und eine konsequente Umsetzung dieser in allen Schritten.
