Folgender Text ist barrikade.info entnommen. Da wir ihn sehr lesenswert finden, hier der Repost:
„Während sich der Rechtsruck beschleunigt, die Militarisierung rücksichtslos vorangetrieben wird, autoritäre Politiken zum Mainstream werden, Krisen eskalieren, Menschen für Rohstoffkolonialismus systematisch ausgebeutet und abgeschlachtet werden und Genozide fortgesetzt oder relativiert werden, zieht sich ein Teil der Szene zurück. Partyvismus ist kein harmloses Nebenphänomen, lieber tanzen als kämpfen, lieber Rausch als Solidarität, lieber Szene als Organisierung.
Das Problem ist nicht das Feiern. Das Problem ist das Feiern als Ersatzhandlung. Partyvismus verwandelt kollektive Ohnmacht in kurzfristige Ekstase und verkauft sie als Freiheit. Während andere mit all ihren Kapazitäten Strukturen aufbauen, Repression abfedern, Betroffene unterstützen und Angriffe abwehren, bleibt ein grosser Teil am Rand, oft politisch informiert, selten praktisch beteiligt.
Es geht nicht darum, Feiern zu verurteilen. Freude, Körperlichkeit, Rausch und Gemeinschaft sind legitime Bedürfnisse. Viele Menschen sind erschöpft, überfordert, psychisch belastet oder schlicht damit beschäftigt, ihren Alltag zu überleben, weil sie vom System Tag für Tag unterdrückt werden. Von niemandem kann jederzeit maximale Beteiligung verlangt werden. Wer das ignoriert, reproduziert genau jene Leistungs- und Verwertungslogiken, die diese Krisen mit hervorgebracht haben.
Aber: Wer sich systematisch raushält, überlässt das Feld anderen und profitiert indirekt von deren Arbeit. Partyvismus verschiebt Verantwortung nach unten und Risiken nach aussen. Er lebt davon, dass andere den Kopf hinhalten. Niemand schuldet permanenten Aktivismus. Aber es gibt einen Unterschied zwischen Pausen machen und sich dauerhaft entziehen. Zwischen Selbstschutz und politischer Bequemlichkeit.
Die Illusion, man könne sich einfach raushalten, ist trügerisch. Als wären der eigene Körper, die eigene Szene oder der Club ein unpolitischer Ort. Aber der Rechtsruck hört nicht an der Tür auf, Repression macht keinen Bogen um Tanzflächen, und politische Entscheidungen treffen uns alle, ob wir feiern oder nicht. Solidarität lässt sich nicht auf später verschieben und nicht auf Afterhours vertagen.
So entstehen unsichtbare Hierarchien: Die einen organisieren, die anderen konsumieren. Die einen brennen langsam aus. Das ist keine Szene-Kultur, das ist politische Arbeitsteilung ohne Absprache, immer zu Lasten derjenigen, die bleiben.
Die Frage ist nicht, ob wir feiern dürfen, sondern wofür. Ob Räume nur Orte der Ablenkung sind oder Orte, an denen Beziehungen entstehen, die tragen, wenn es ernst wird. Ob Lust verbunden ist oder zur Ausrede wird.
Solidarität heisst auch, sich zu fragen:
• Wer hält die Strukturen am Laufen?
• Wer zahlt den Preis für politische Passivität?
• Wer kann sich Eskapismus überhaupt leisten?
Nicht alle müssen alles machen. Aber niemand ist völlig unbeteiligt. Solidarität beginnt dort, wo wir anerkennen, dass unser Rückzug Konsequenzen für andere hat. Dass unser Eskapismus reale Kosten erzeugt und reale Ungleichgewichte schafft: Einige halten Kämpfe am Laufen, während andere konsumieren. Einige brennen aus, während andere tanzen. Das ist selten böse Absicht, aber es schwächt Bewegungen und vertieft Isolation.
Solidarische Grüsse
Lola“
