Mit Politgruppen zur Revolution?

Eine Bewegungskritik

Eigentlich wollten wir einen Text schreiben, der gegen Politgruppen und für revolutionäre Basisarbeit argumentiert. Doch der Anarcho-Syndikalist Émile Pouget kam uns knapp zuvor. In dem Text „Das Syndikat“ von 1920 schreibt er in einem Abschnitt:

Die Gruppe der Gleichgesinnten

In die Rubrik der Vereinigungen, die zwar nützlich sind, aber nicht von allen für zwingend notwendig erachtet werden, fallen die Gruppen der Gleichgesinnten, die von den diversen sozialrevolutionären Schulen lange Zeit als Grundlage der Organisation ausgegeben wurden und von der manche sogar behaupten, dass sie der Gewerkschaft überlegen seien.

Die Gesinnungsverwandten organisieren sich um bestimmte „Ideen“ und „Meinungen“, nicht um „Interessen“; sie gründen politische Clubs, Studienzirkel, Volkshochschulen usw.

In diesen Gruppierungen finden wir geistigen Zusammenhalt, moralische Übereinkunft, gleichgerichtete Bestrebungen, ähnliche Hoffnungen und Zukunftserwartungen usw. Aber es fehlen ihnen die materiellen Grundlagen, die ihnen ein dauerhaftes Leben bescheren könnten. Sie sind aus verstandesmäßigen Überlegungen, aber nicht aus greifbaren Interessen hervorgegangen, sie laufen daher Gefahr auseinanderzufallen, sobald die Wünsche, die sie bündeln, nicht mehr voll und ganz miteinander harmonieren, oder ein Projekt, dessen Verwirklichung zu lange auf sich warten lässt, die Energie der Beteiligten erschöpft.

Solche Auflösungserscheinungen sind der Grund, warum Gesinnungsgemeinschaften nicht recht vorankommen. Sie können in Zeiten sozialen Aufruhrs einen beträchtlichen Aufschwung nehmen, doch das ist eine Erscheinung, die leicht täuscht. Da die Aufnahme neuer Mitglieder davon abhängt, dass diese die von ihnen vertretenen Theorien akzeptieren, ist die Rekrutierung mit Schwierigkeiten verbunden. Und da diesen Gruppierungen eben jedes materielle Interesse abgeht, neigen sie dazu, sich in Spitzfindigkeiten und Abstraktionen zu verlieren und sich von den Volksmassen zu isolieren.

Damit jemand, der zu einer solchen Gruppe stößt, sich dort wohlfühlt und Lust hat wiederzukommen, muss er bereits eine geistige Entwicklung durchgemacht, das heißt, zumindest die ganze Abscheulichkeit der bestehenden Gesellschaft erkannt haben und gewillt sein, sie zu verändern. Wenn ein Arbeiter, der noch nicht über seine Lage nachgedacht hat, an eine solche Vereinigung gerät, besteht hingegen die Gefahr, dass die dort geführten Diskussionen, deren Relevanz er noch nicht erkennt, ihn langweilen. Die Wahrscheinlichkeit ist also groß, dass er mangels eines konkreten materiellen Motivs das Interesse verliert und künftig diesem Milieu fernbleibt.

Der Beweis für die Richtigkeit dieser Behauptung wird durch die Praxis erbracht: die Gesinnungsgruppen, die im letzten Vierteljahrhundert wie Pilze aus dem Boden schossen, sind trotz der lebhaften Agitation, die sie entfalteten, nicht kontinuierlich gewachsen; ihre Entwicklung und Dynamik waren derart vom Aktivismus einzelner Personen abhängig, dass die Gruppen wieder einschliefen, wenn diese ihr Engagement einschränkten oder einstellten.

Dennoch soll nicht bestritten werden, dass das Wirken dieser Gruppierungen durchaus Früchte trug; in der Vergangenheit haben sie vielerorts das Bewusstsein der Massen geweckt und dadurch die Gründung anderer Organisationen – nicht zuletzt Gewerkschaften – erleichtert.

Diese Kritik der Gesinnungsgruppen soll auch nichts weiter bezwecken, als darzulegen, dass ihr Engagement, so Hervorragendes es auch zu leisten vermag, nicht ausschlaggebend ist; es kann die Betätigung in den Gewerkschaften nicht ersetzen, die, weil sie ihre Wurzeln auf ökonomischen Gebiet haben, alleine imstande sind, die Arbeitsbedingungen zu verbessern und die Neuordnung der Gesellschaft vorzubereiten und voranzutreiben.“

Anmerkung: Pougets vehemente Argumentation für Gewerkschaften mag beim heutigen Lesen womöglich irritieren. Dazu ist zweierlei anzumerken: Zum einen hatten zu seinen Lebzeiten Gewerkschaften noch eine ganz andere Macht sowie Potenziale bzw. waren sie nicht derart befriedet und eingehegt wie die meisten Gewerkschaften es hierzulande inzwischen leider sind. Zum anderen unterscheidet sich die Art von Gewerkschaften, für die er als Anarcho-Syndikalist argumentiert, stark von bspw. sozialdemokratischen Sichtweisen auf Gewerkschaften. Ferner ist anzumerken, dass es noch mehr als die Überwindung des Kapitalismus braucht um „die Neuordnung der Gesellschaft vorzubereiten und voranzutreiben.“, da das herrschende System aus noch weiteren Herrschafts- und Unterdrückungsstrukturen besteht.

Partyvismus

Folgender Text ist barrikade.info entnommen. Da wir ihn sehr lesenswert finden, hier der Repost:

„Während sich der Rechtsruck beschleunigt, die Militarisierung rücksichtslos vorangetrieben wird, autoritäre Politiken zum Mainstream werden, Krisen eskalieren, Menschen für Rohstoffkolonialismus systematisch ausgebeutet und abgeschlachtet werden und Genozide fortgesetzt oder relativiert werden, zieht sich ein Teil der Szene zurück. Partyvismus ist kein harmloses Nebenphänomen, lieber tanzen als kämpfen, lieber Rausch als Solidarität, lieber Szene als Organisierung.

Das Problem ist nicht das Feiern. Das Problem ist das Feiern als Ersatzhandlung. Partyvismus verwandelt kollektive Ohnmacht in kurzfristige Ekstase und verkauft sie als Freiheit. Während andere mit all ihren Kapazitäten Strukturen aufbauen, Repression abfedern, Betroffene unterstützen und Angriffe abwehren, bleibt ein grosser Teil am Rand, oft politisch informiert, selten praktisch beteiligt.

Es geht nicht darum, Feiern zu verurteilen. Freude, Körperlichkeit, Rausch und Gemeinschaft sind legitime Bedürfnisse. Viele Menschen sind erschöpft, überfordert, psychisch belastet oder schlicht damit beschäftigt, ihren Alltag zu überleben, weil sie vom System Tag für Tag unterdrückt werden. Von niemandem kann jederzeit maximale Beteiligung verlangt werden. Wer das ignoriert, reproduziert genau jene Leistungs- und Verwertungslogiken, die diese Krisen mit hervorgebracht haben.

Aber: Wer sich systematisch raushält, überlässt das Feld anderen und profitiert indirekt von deren Arbeit. Partyvismus verschiebt Verantwortung nach unten und Risiken nach aussen. Er lebt davon, dass andere den Kopf hinhalten. Niemand schuldet permanenten Aktivismus. Aber es gibt einen Unterschied zwischen Pausen machen und sich dauerhaft entziehen. Zwischen Selbstschutz und politischer Bequemlichkeit.

Die Illusion, man könne sich einfach raushalten, ist trügerisch. Als wären der eigene Körper, die eigene Szene oder der Club ein unpolitischer Ort. Aber der Rechtsruck hört nicht an der Tür auf, Repression macht keinen Bogen um Tanzflächen, und politische Entscheidungen treffen uns alle, ob wir feiern oder nicht. Solidarität lässt sich nicht auf später verschieben und nicht auf Afterhours vertagen.

So entstehen unsichtbare Hierarchien: Die einen organisieren, die anderen konsumieren. Die einen brennen langsam aus. Das ist keine Szene-Kultur, das ist politische Arbeitsteilung ohne Absprache, immer zu Lasten derjenigen, die bleiben.

Die Frage ist nicht, ob wir feiern dürfen, sondern wofür. Ob Räume nur Orte der Ablenkung sind oder Orte, an denen Beziehungen entstehen, die tragen, wenn es ernst wird. Ob Lust verbunden ist oder zur Ausrede wird.

Solidarität heisst auch, sich zu fragen:
• Wer hält die Strukturen am Laufen?
• Wer zahlt den Preis für politische Passivität?
• Wer kann sich Eskapismus überhaupt leisten?

Nicht alle müssen alles machen. Aber niemand ist völlig unbeteiligt. Solidarität beginnt dort, wo wir anerkennen, dass unser Rückzug Konsequenzen für andere hat. Dass unser Eskapismus reale Kosten erzeugt und reale Ungleichgewichte schafft: Einige halten Kämpfe am Laufen, während andere konsumieren. Einige brennen aus, während andere tanzen. Das ist selten böse Absicht, aber es schwächt Bewegungen und vertieft Isolation.

Solidarische Grüsse
Lola“