Warum engagierst du dich eigentlich politisch?

Auf die Frage des Titels folgen zumeist Antworten wie „Weil der Kapitalismus/ whatever überwunden werden muss!“. Es gibt viele gute Gründe sich politisch zu engagieren, aber wir denken, dass das Wahrnehmen von Missständen wie dem Kapitalismus nur einen Teil der Frage beantwortet. Immerhin gibt es zahllose Menschen, die ebenfalls von dem herrschenden System oder Teilen von diesem abgefuckt sind, aber höchstens Wählen gehen. Was braucht es also noch, um politisch aktiv zu sein? Und warum ist das auch abseits von Mobilisierung und Organisierung relevant?

Wie werden Menschen politisch aktiv?

Vorab: Politisch aktiv sein ist hier als weite Klammer für alle Handlungen, die auf politische Veränderungen abzielen gedacht – also nicht nur klassischen Aktivismus.

Zu der Frage haben wir eine Formel bzw. eine These aufgestellt:

Unzufriedenheit + Gerechtigkeitssinn + Pflichtgefühl + Handlungsmöglichkeit + Impuls => politisch aktiv

  • Unzufriedenheit: Mit einem Missstand oder dem ganzen herrschenden System nicht einverstanden sein. Das kommt oft von selbst auf, spätestens aber beim Befassen mit entsprechenden Themen.
  • Gerechtigkeitssinn: Ungerechtigkeiten erkennen und ändern wollen. Da spielt der eigene Charakter womöglich eine entscheidendere Rolle als die Sozialisierung in Sachen Ethik.
  • Pflichtgefühl: Sich selbst in der Verantwortung zu sehen die Dinge anzugehen. Oft auch mit einer „Wenn ich’s nicht mache, macht’s keine*r.“ -Haltung. Das Gegenstück ist Verdrängung: „XY wird sich schon darum kümmern, ich bin dafür nicht zuständig oder das wird schon.“.
  • Handlungsmöglichkeit: Sich von einer Handlung wie bspw. Demonstrieren eine Veränderung versprechen und gleichzeitig sich in der Lage sehen dies auch selbst zu tun. Handlungsoptionen oder (vermeintliche) Aussichtslosigkeit werden in der Regel durch die Praxis anderer (auch historisch) aufgezeigt. Dazu kommen die persönlichen Lebensumstände (z.B. Behinderungen, Armut), aber auch das individuelle Selbstvertrauen als Faktor hinzu.
  • Impuls: Das Zünglein an der Waage oder der Tropfen, der das Fass zum überlaufen bringt, kann individuell sehr unterschiedlich sein: Ein einschneidendes Erlebnis, ein*e Freund*in, die eine*n zu einer Aktion mitschleppt, ein Aufruf, usw…

Bei dem Versuch Menschen zu Mobilisieren wird sich in der Regel sehr stark darauf konzentriert „den einen“ Impuls zu geben während die anderen Faktoren verhältnismäßig vernachlässigt werden.

Wie aber bleiben Menschen aktiv?

Gründe, weshalb Menschen aufhören sich politisch zu engagieren gibt es zuhauf: Resignation, Zerwürfnisse, Verbürgerlichung infolge von Zuckerbrot & Peitsche, Ausbrennen, Repressionen usw… Ansätze dem entgegen zu wirken gibt es gleichermaßen: Gegen Resignation erarbeiten Menschen neue Strategien und Ansätze basierend auf Reflektion und Analyse; gegen Zerwürfnisse wird sich um einen gewaltfreien Umgang miteinander und konstruktive Streitkultur bemüht; gegen Verbürgerlichung schärfen Menschen ihr subversives Mindset und kritisieren abdriftende Genoss*innen solidarisch; dem Ausbrennen wird mit einer nachhaltigeren Praxis des Engagements entgegengewirkt; und Repressionen werden mit Solidaritätsarbeit für die Betroffenen begegnet.

Zugegeben, das ist alles noch ausbaufähig… Daraus ergibt sich aber auch die Frage, wie es manche Menschen dennoch schaffen langfristig aktiv zu bleiben. Immerhin gehört mensch teilweise ja schon zum alten Eisen, wenn mensch seit drei Jahren aktiv ist.

In unseren Augen sind zwei Elemente entscheidend: Sachzwänge und Leidenschaft.

Sachzwänge

Dass „die“ linke Bewegung in Deutschland sich vor allem aus ziemlich privilegierten Menschen (weiß, Mittelschicht usw.) zusammensetzt, ist nichts Neues. Daraus resultiert dementsprechend häufig ein Stellvertretungsaktivismus (siehe „(Wohlfühl-)Aktivismus überwinden“). Gemeint ist, dass wenig bis gar nicht betroffene Menschen für Betroffene Aktivismus betreiben. So ist es bspw. nicht unüblich, dass es Gruppen gibt, die gegen Rassismus kämpfen (wollen), aber überwiegend weiß sind oder Gruppen, die Klassenkampf von unten betreiben wollen, aber alle Beteiligten in der Mittelschicht zu verorten sind. Auch der Kampf für Klimagerechtigkeit ist so ein Beispiel. Immerhin leben wir hier im (noch) weniger betroffenen Globalen Norden und einer spätimperialistischen Beutegemeinschaft.

Der Stellvertretungscharakter bzw. die mangelnde Betroffenheit führt unter anderem dazu, dass der Antrieb für das jeweilige politische Engagement nicht (in erster Linie) die Verbesserung der eigenen Lebensumstände ist, sondern der eigene moralisch-ethische Anspruch. Moralische Argumentationen sind der Hauptmodus „der“ linke Bewegung – nicht das eigenständige Umsetzen oder Erzwingen tatsächlich spürbarer Veränderungen. So gut und richtig die zugrundeliegenden Ansprüche auch sein mögen, eine wirklich belastbare Basis für emanzipatorische Kämpfe bieten sie leider nicht wirklich. Unterm Strich geht es dabei schließlich um das Befriedigen des eigenen moralischen Anspruchs. Oder anders gesagt: Es ist halt schon ein Unterschied ein Haus zu besetzen, weil Leerstand scheiße ist oder ein Haus zu besetzen um nicht auf der Straße zu erfrieren.

Dem Gegenüber stehen Menschen, die politisch aktiv sind, weil die Sachzwänge sie dazu treiben. Das sind tendenziell auch diejenigen, die auch dann weitermachen, wenn die Umstände rauer werden. Denn was wäre denn ihre Alternative?

Fazit: So abgedroschen es auch klingen mag, denken wir, dass es einmal mehr wichtig ist, die eigenen Privilegien zu reflektieren, Betroffenen zuzuhören und die eigenen Privilegien entsprechend zu nutzen. Umgekehrt heißt das für Betroffene den nicht Betroffenen ihre moralische Selbstbefriedigung zu spiegeln bzw. ihnen in den Arsch zu treten – wenn dafür noch Kraft über ist…

Leidenschaft

Neben einer Perspektive wie einer greifbaren Theory of Change und einer langfristigen, soliden Organisierung ist es entscheidend, dass mensch auch für die Sache brennt, für die mensch kämpft. Damit sind keine Durchhalteparolen oder religionshafte Mantras gemeint. Es geht vielmehr um Fragen wie:

Was willst du wirklich erreichen? Was treibt dich an? Hass auf den Status quo? Liebe für eine sozialistische Utopie? Beides?

Oder geht es dir doch eher um dich selbst? (Selbstwirksamkeit erfahren, Gewissen erleichtern, Selbstprofilierung usw.)

Diesen Fragen sollten wir uns offen, ehrlich und regelmäßig stellen. Das Ziel ist keine reine Selbstreflexionsübung, sondern vielmehr die Maßstäbe des eigenen Handelns klar zu bekommen. Vor diesem Hintergrund werden Erfolge wie auch Misserfolge messbarer und das Setzen von Prioritäten einfacher. Und wir schreiben hier auch nicht von Hass und Liebe, um politische Kämpfe zu romantisieren, sondern weil gerade ehrliche Leidenschaft tragender ist als die besten theoretischen Überzeugungen. Mit ihr lässt sich dem Sog der sogenannten Normalität und unseren Alltägen leichter trotzen, was notwendig ist, um auszubrechen.

Wenn wir es dann auch noch schaffen mit den Antworten auf die Fragen untereinander offen und ehrlich umzugehen, dann wissen wir auch besser woran wir aneinander sind. Gerade in Zeiten exzessiver Verbal-Radikalität ist das sicherlich hilfreich.

Bist du ein revolutionäres Subjekt? ;)