Warum engagierst du dich eigentlich politisch?

Auf die Frage des Titels folgen zumeist Antworten wie „Weil der Kapitalismus/ whatever überwunden werden muss!“. Es gibt viele gute Gründe sich politisch zu engagieren, aber wir denken, dass das Wahrnehmen von Missständen wie dem Kapitalismus nur einen Teil der Frage beantwortet. Immerhin gibt es zahllose Menschen, die ebenfalls von dem herrschenden System oder Teilen von diesem abgefuckt sind, aber höchstens Wählen gehen. Was braucht es also noch, um politisch aktiv zu sein? Und warum ist das auch abseits von Mobilisierung und Organisierung relevant?

Wie werden Menschen politisch aktiv?

Vorab: Politisch aktiv sein ist hier als weite Klammer für alle Handlungen, die auf politische Veränderungen abzielen gedacht – also nicht nur klassischen Aktivismus.

Zu der Frage haben wir eine Formel bzw. eine These aufgestellt:

Unzufriedenheit + Gerechtigkeitssinn + Pflichtgefühl + Handlungsmöglichkeit + Impuls => politisch aktiv

  • Unzufriedenheit: Mit einem Missstand oder dem ganzen herrschenden System nicht einverstanden sein. Das kommt oft von selbst auf, spätestens aber beim Befassen mit entsprechenden Themen.
  • Gerechtigkeitssinn: Ungerechtigkeiten erkennen und ändern wollen. Da spielt der eigene Charakter womöglich eine entscheidendere Rolle als die Sozialisierung in Sachen Ethik.
  • Pflichtgefühl: Sich selbst in der Verantwortung zu sehen die Dinge anzugehen. Oft auch mit einer „Wenn ich’s nicht mache, macht’s keine*r.“ -Haltung. Das Gegenstück ist Verdrängung: „XY wird sich schon darum kümmern, ich bin dafür nicht zuständig oder das wird schon.“.
  • Handlungsmöglichkeit: Sich von einer Handlung wie bspw. Demonstrieren eine Veränderung versprechen und gleichzeitig sich in der Lage sehen dies auch selbst zu tun. Handlungsoptionen oder (vermeintliche) Aussichtslosigkeit werden in der Regel durch die Praxis anderer (auch historisch) aufgezeigt. Dazu kommen die persönlichen Lebensumstände (z.B. Behinderungen, Armut), aber auch das individuelle Selbstvertrauen als Faktor hinzu.
  • Impuls: Das Zünglein an der Waage oder der Tropfen, der das Fass zum überlaufen bringt, kann individuell sehr unterschiedlich sein: Ein einschneidendes Erlebnis, ein*e Freund*in, die eine*n zu einer Aktion mitschleppt, ein Aufruf, usw…

Bei dem Versuch Menschen zu Mobilisieren wird sich in der Regel sehr stark darauf konzentriert „den einen“ Impuls zu geben während die anderen Faktoren verhältnismäßig vernachlässigt werden.

Wie aber bleiben Menschen aktiv?

Gründe, weshalb Menschen aufhören sich politisch zu engagieren gibt es zuhauf: Resignation, Zerwürfnisse, Verbürgerlichung infolge von Zuckerbrot & Peitsche, Ausbrennen, Repressionen usw… Ansätze dem entgegen zu wirken gibt es gleichermaßen: Gegen Resignation erarbeiten Menschen neue Strategien und Ansätze basierend auf Reflektion und Analyse; gegen Zerwürfnisse wird sich um einen gewaltfreien Umgang miteinander und konstruktive Streitkultur bemüht; gegen Verbürgerlichung schärfen Menschen ihr subversives Mindset und kritisieren abdriftende Genoss*innen solidarisch; dem Ausbrennen wird mit einer nachhaltigeren Praxis des Engagements entgegengewirkt; und Repressionen werden mit Solidaritätsarbeit für die Betroffenen begegnet.

Zugegeben, das ist alles noch ausbaufähig… Daraus ergibt sich aber auch die Frage, wie es manche Menschen dennoch schaffen langfristig aktiv zu bleiben. Immerhin gehört mensch teilweise ja schon zum alten Eisen, wenn mensch seit drei Jahren aktiv ist.

In unseren Augen sind zwei Elemente entscheidend: Sachzwänge und Leidenschaft.

Sachzwänge

Dass „die“ linke Bewegung in Deutschland sich vor allem aus ziemlich privilegierten Menschen (weiß, Mittelschicht usw.) zusammensetzt, ist nichts Neues. Daraus resultiert dementsprechend häufig ein Stellvertretungsaktivismus (siehe „(Wohlfühl-)Aktivismus überwinden“). Gemeint ist, dass wenig bis gar nicht betroffene Menschen für Betroffene Aktivismus betreiben. So ist es bspw. nicht unüblich, dass es Gruppen gibt, die gegen Rassismus kämpfen (wollen), aber überwiegend weiß sind oder Gruppen, die Klassenkampf von unten betreiben wollen, aber alle Beteiligten in der Mittelschicht zu verorten sind. Auch der Kampf für Klimagerechtigkeit ist so ein Beispiel. Immerhin leben wir hier im (noch) weniger betroffenen Globalen Norden und einer spätimperialistischen Beutegemeinschaft.

Der Stellvertretungscharakter bzw. die mangelnde Betroffenheit führt unter anderem dazu, dass der Antrieb für das jeweilige politische Engagement nicht (in erster Linie) die Verbesserung der eigenen Lebensumstände ist, sondern der eigene moralisch-ethische Anspruch. Moralische Argumentationen sind der Hauptmodus „der“ linke Bewegung – nicht das eigenständige Umsetzen oder Erzwingen tatsächlich spürbarer Veränderungen. So gut und richtig die zugrundeliegenden Ansprüche auch sein mögen, eine wirklich belastbare Basis für emanzipatorische Kämpfe bieten sie leider nicht wirklich. Unterm Strich geht es dabei schließlich um das Befriedigen des eigenen moralischen Anspruchs. Oder anders gesagt: Es ist halt schon ein Unterschied ein Haus zu besetzen, weil Leerstand scheiße ist oder ein Haus zu besetzen um nicht auf der Straße zu erfrieren.

Dem Gegenüber stehen Menschen, die politisch aktiv sind, weil die Sachzwänge sie dazu treiben. Das sind tendenziell auch diejenigen, die auch dann weitermachen, wenn die Umstände rauer werden. Denn was wäre denn ihre Alternative?

Fazit: So abgedroschen es auch klingen mag, denken wir, dass es einmal mehr wichtig ist, die eigenen Privilegien zu reflektieren, Betroffenen zuzuhören und die eigenen Privilegien entsprechend zu nutzen. Umgekehrt heißt das für Betroffene den nicht Betroffenen ihre moralische Selbstbefriedigung zu spiegeln bzw. ihnen in den Arsch zu treten – wenn dafür noch Kraft über ist…

Leidenschaft

Neben einer Perspektive wie einer greifbaren Theory of Change und einer langfristigen, soliden Organisierung ist es entscheidend, dass mensch auch für die Sache brennt, für die mensch kämpft. Damit sind keine Durchhalteparolen oder religionshafte Mantras gemeint. Es geht vielmehr um Fragen wie:

Was willst du wirklich erreichen? Was treibt dich an? Hass auf den Status quo? Liebe für eine sozialistische Utopie? Beides?

Oder geht es dir doch eher um dich selbst? (Selbstwirksamkeit erfahren, Gewissen erleichtern, Selbstprofilierung usw.)

Diesen Fragen sollten wir uns offen, ehrlich und regelmäßig stellen. Das Ziel ist keine reine Selbstreflexionsübung, sondern vielmehr die Maßstäbe des eigenen Handelns klar zu bekommen. Vor diesem Hintergrund werden Erfolge wie auch Misserfolge messbarer und das Setzen von Prioritäten einfacher. Und wir schreiben hier auch nicht von Hass und Liebe, um politische Kämpfe zu romantisieren, sondern weil gerade ehrliche Leidenschaft tragender ist als die besten theoretischen Überzeugungen. Mit ihr lässt sich dem Sog der sogenannten Normalität und unseren Alltägen leichter trotzen, was notwendig ist, um auszubrechen.

Wenn wir es dann auch noch schaffen mit den Antworten auf die Fragen untereinander offen und ehrlich umzugehen, dann wissen wir auch besser woran wir aneinander sind. Gerade in Zeiten exzessiver Verbal-Radikalität ist das sicherlich hilfreich.

Bist du ein revolutionäres Subjekt? ;)

Mit Politgruppen zur Revolution?

Eine Bewegungskritik

Eigentlich wollten wir einen Text schreiben, der gegen Politgruppen und für revolutionäre Basisarbeit argumentiert. Doch der Anarcho-Syndikalist Émile Pouget kam uns knapp zuvor. In dem Text „Das Syndikat“ von 1920 schreibt er in einem Abschnitt:

Die Gruppe der Gleichgesinnten

In die Rubrik der Vereinigungen, die zwar nützlich sind, aber nicht von allen für zwingend notwendig erachtet werden, fallen die Gruppen der Gleichgesinnten, die von den diversen sozialrevolutionären Schulen lange Zeit als Grundlage der Organisation ausgegeben wurden und von der manche sogar behaupten, dass sie der Gewerkschaft überlegen seien.

Die Gesinnungsverwandten organisieren sich um bestimmte „Ideen“ und „Meinungen“, nicht um „Interessen“; sie gründen politische Clubs, Studienzirkel, Volkshochschulen usw.

In diesen Gruppierungen finden wir geistigen Zusammenhalt, moralische Übereinkunft, gleichgerichtete Bestrebungen, ähnliche Hoffnungen und Zukunftserwartungen usw. Aber es fehlen ihnen die materiellen Grundlagen, die ihnen ein dauerhaftes Leben bescheren könnten. Sie sind aus verstandesmäßigen Überlegungen, aber nicht aus greifbaren Interessen hervorgegangen, sie laufen daher Gefahr auseinanderzufallen, sobald die Wünsche, die sie bündeln, nicht mehr voll und ganz miteinander harmonieren, oder ein Projekt, dessen Verwirklichung zu lange auf sich warten lässt, die Energie der Beteiligten erschöpft.

Solche Auflösungserscheinungen sind der Grund, warum Gesinnungsgemeinschaften nicht recht vorankommen. Sie können in Zeiten sozialen Aufruhrs einen beträchtlichen Aufschwung nehmen, doch das ist eine Erscheinung, die leicht täuscht. Da die Aufnahme neuer Mitglieder davon abhängt, dass diese die von ihnen vertretenen Theorien akzeptieren, ist die Rekrutierung mit Schwierigkeiten verbunden. Und da diesen Gruppierungen eben jedes materielle Interesse abgeht, neigen sie dazu, sich in Spitzfindigkeiten und Abstraktionen zu verlieren und sich von den Volksmassen zu isolieren.

Damit jemand, der zu einer solchen Gruppe stößt, sich dort wohlfühlt und Lust hat wiederzukommen, muss er bereits eine geistige Entwicklung durchgemacht, das heißt, zumindest die ganze Abscheulichkeit der bestehenden Gesellschaft erkannt haben und gewillt sein, sie zu verändern. Wenn ein Arbeiter, der noch nicht über seine Lage nachgedacht hat, an eine solche Vereinigung gerät, besteht hingegen die Gefahr, dass die dort geführten Diskussionen, deren Relevanz er noch nicht erkennt, ihn langweilen. Die Wahrscheinlichkeit ist also groß, dass er mangels eines konkreten materiellen Motivs das Interesse verliert und künftig diesem Milieu fernbleibt.

Der Beweis für die Richtigkeit dieser Behauptung wird durch die Praxis erbracht: die Gesinnungsgruppen, die im letzten Vierteljahrhundert wie Pilze aus dem Boden schossen, sind trotz der lebhaften Agitation, die sie entfalteten, nicht kontinuierlich gewachsen; ihre Entwicklung und Dynamik waren derart vom Aktivismus einzelner Personen abhängig, dass die Gruppen wieder einschliefen, wenn diese ihr Engagement einschränkten oder einstellten.

Dennoch soll nicht bestritten werden, dass das Wirken dieser Gruppierungen durchaus Früchte trug; in der Vergangenheit haben sie vielerorts das Bewusstsein der Massen geweckt und dadurch die Gründung anderer Organisationen – nicht zuletzt Gewerkschaften – erleichtert.

Diese Kritik der Gesinnungsgruppen soll auch nichts weiter bezwecken, als darzulegen, dass ihr Engagement, so Hervorragendes es auch zu leisten vermag, nicht ausschlaggebend ist; es kann die Betätigung in den Gewerkschaften nicht ersetzen, die, weil sie ihre Wurzeln auf ökonomischen Gebiet haben, alleine imstande sind, die Arbeitsbedingungen zu verbessern und die Neuordnung der Gesellschaft vorzubereiten und voranzutreiben.“

Anmerkung: Pougets vehemente Argumentation für Gewerkschaften mag beim heutigen Lesen womöglich irritieren. Dazu ist zweierlei anzumerken: Zum einen hatten zu seinen Lebzeiten Gewerkschaften noch eine ganz andere Macht sowie Potenziale bzw. waren sie nicht derart befriedet und eingehegt wie die meisten Gewerkschaften es hierzulande inzwischen leider sind. Zum anderen unterscheidet sich die Art von Gewerkschaften, für die er als Anarcho-Syndikalist argumentiert, stark von bspw. sozialdemokratischen Sichtweisen auf Gewerkschaften. Ferner ist anzumerken, dass es noch mehr als die Überwindung des Kapitalismus braucht um „die Neuordnung der Gesellschaft vorzubereiten und voranzutreiben.“, da das herrschende System aus noch weiteren Herrschafts- und Unterdrückungsstrukturen besteht.

Partyvismus

Folgender Text ist barrikade.info entnommen. Da wir ihn sehr lesenswert finden, hier der Repost:

„Während sich der Rechtsruck beschleunigt, die Militarisierung rücksichtslos vorangetrieben wird, autoritäre Politiken zum Mainstream werden, Krisen eskalieren, Menschen für Rohstoffkolonialismus systematisch ausgebeutet und abgeschlachtet werden und Genozide fortgesetzt oder relativiert werden, zieht sich ein Teil der Szene zurück. Partyvismus ist kein harmloses Nebenphänomen, lieber tanzen als kämpfen, lieber Rausch als Solidarität, lieber Szene als Organisierung.

Das Problem ist nicht das Feiern. Das Problem ist das Feiern als Ersatzhandlung. Partyvismus verwandelt kollektive Ohnmacht in kurzfristige Ekstase und verkauft sie als Freiheit. Während andere mit all ihren Kapazitäten Strukturen aufbauen, Repression abfedern, Betroffene unterstützen und Angriffe abwehren, bleibt ein grosser Teil am Rand, oft politisch informiert, selten praktisch beteiligt.

Es geht nicht darum, Feiern zu verurteilen. Freude, Körperlichkeit, Rausch und Gemeinschaft sind legitime Bedürfnisse. Viele Menschen sind erschöpft, überfordert, psychisch belastet oder schlicht damit beschäftigt, ihren Alltag zu überleben, weil sie vom System Tag für Tag unterdrückt werden. Von niemandem kann jederzeit maximale Beteiligung verlangt werden. Wer das ignoriert, reproduziert genau jene Leistungs- und Verwertungslogiken, die diese Krisen mit hervorgebracht haben.

Aber: Wer sich systematisch raushält, überlässt das Feld anderen und profitiert indirekt von deren Arbeit. Partyvismus verschiebt Verantwortung nach unten und Risiken nach aussen. Er lebt davon, dass andere den Kopf hinhalten. Niemand schuldet permanenten Aktivismus. Aber es gibt einen Unterschied zwischen Pausen machen und sich dauerhaft entziehen. Zwischen Selbstschutz und politischer Bequemlichkeit.

Die Illusion, man könne sich einfach raushalten, ist trügerisch. Als wären der eigene Körper, die eigene Szene oder der Club ein unpolitischer Ort. Aber der Rechtsruck hört nicht an der Tür auf, Repression macht keinen Bogen um Tanzflächen, und politische Entscheidungen treffen uns alle, ob wir feiern oder nicht. Solidarität lässt sich nicht auf später verschieben und nicht auf Afterhours vertagen.

So entstehen unsichtbare Hierarchien: Die einen organisieren, die anderen konsumieren. Die einen brennen langsam aus. Das ist keine Szene-Kultur, das ist politische Arbeitsteilung ohne Absprache, immer zu Lasten derjenigen, die bleiben.

Die Frage ist nicht, ob wir feiern dürfen, sondern wofür. Ob Räume nur Orte der Ablenkung sind oder Orte, an denen Beziehungen entstehen, die tragen, wenn es ernst wird. Ob Lust verbunden ist oder zur Ausrede wird.

Solidarität heisst auch, sich zu fragen:
• Wer hält die Strukturen am Laufen?
• Wer zahlt den Preis für politische Passivität?
• Wer kann sich Eskapismus überhaupt leisten?

Nicht alle müssen alles machen. Aber niemand ist völlig unbeteiligt. Solidarität beginnt dort, wo wir anerkennen, dass unser Rückzug Konsequenzen für andere hat. Dass unser Eskapismus reale Kosten erzeugt und reale Ungleichgewichte schafft: Einige halten Kämpfe am Laufen, während andere konsumieren. Einige brennen aus, während andere tanzen. Das ist selten böse Absicht, aber es schwächt Bewegungen und vertieft Isolation.

Solidarische Grüsse
Lola“

Umverteilung innerhalb linker Bewegungen?!

Solidaritätsbekundungen ja, finanzielle Solidarität nein

Politische Arbeit braucht (solange das Dreckssystem noch besteht) Geld. Das Geld ist höchst ungleich verteilt – auch innerhalb linker Bewegungen. Soweit, so schlecht.

Auf der einen Seite haben wir Orgas[1], die einfach jede noch so kleine Herausforderung, vor der sie stehen, einfach solange mit Geld bewerfen, bis sie gelöst ist, statt Kreativität oder DIY-Arbeit reinzustecken. Auf der anderen Seite haben wir die, die jeden Euro zweimal umdrehen müssen und mit mehr Mitteln weitaus mehr Sinnvolles erreichen könnten. Und natürlich haben wir Viele, die sich irgendwo dazwischen einordnen lassen.

Der Zugang zu Geld (insbesondere zu Spenden und Förderungen) ist auch sehr unterschiedlich: Ist die Orga groß oder klein? Ist sie akzeptiert/ anschlussfähig oder radikal/ kriminalisiert? Hat sie zahlungskräftige Mitglieder? Solche Unterschiede sind entscheidend.

Gleichzeitig sehen wir kaum Ambitionen, diese Ungleichheiten auszugleichen – von keiner der beiden genannten Pole. Für Viele, die gut bei Tasche sind, scheinen Themen wie Umverteilung, Solidarität und dergleichen nichts mit ihrem eigenen Ressourcen zu tun zu haben. Und solche, die knapp bei Tasche sind, kommen scheinbar nur selten auf die Idee, bei anderen Orgas nach Geld zu fragen (obwohl es löblicherweise auch welche gibt, die offen finanzielle Unterstützung für andere Orgas anbieten).

„Wir brauchen das Geld [oder andere Ressourcen] aber als Rücklage!“ scheint ein häufiges Argument gegen eine Umverteilung zu sein. Wagen wir einen kurzen Ausflug in die Welt der Betriebswirtschaftlehre (BWL). Dort wird, vereinfacht gesagt, von „totem Kapital“ gesprochen, wenn Geld oder andere geldwerte Ressourcen völlig ungenutzt (auf Konten) rumliegen. Durch Inflation oder Alterung verliert das Kapital an Wert und erfüllt gleichzeitig keinerlei Nutzen. 

Bei Rücklagen macht es also Sinn gut darauf zu achten, wie groß diese wirklich sein sollten. Der Rest darf gerne in andere Orgas „investiert“ werden. Auch ab wann die Rücklagen realistischerweise benötigt werden, spielt eine Rolle. So kann ungenutztes Geld einer anderen Orga als kurzfristiges, solidarisches (also unverzinstes) Darlehn helfen. Oder vielleicht ist bis zu dem Ereignis, für das die Rücklage aufgebaut wurde, eh mit hinreichend (spenden-)Einnahmen zu rechnen.

Löst euch endlich auf!“

So wichtig Beharrlichkeit auch ist, so sinnvoll es auch ist nicht für jeden Anlass etwas Neues (von Null an) hochzuziehen und gemeinsam organisiert zu bleiben, so kann es dennoch notwendig sein, die eigene Orga aufzulösen.

Wann ist dieser Punkt erreicht? Die Gründe dafür können vielfältig sein. Die Gruppe funktioniert (aus welchen Gründen auch immer) nicht mehr und das lässt sich realistischer Weise nicht mehr ändern. Der eigene grundlegende Ansatz, mit dem mensch angetreten ist, muss als gescheitert[2]verworfen werden (z.B. appellativer Aktivismus). Oder, oder, oder… Es gibt einfach Punkte, wo es sinnvoll ist, sich aufzulösen, einer anderen Orga anzuschließen oder etwas ganz neues zu starten.

Einfacher gesagt, als getan. Die linken Bewegungen sind voller Bewegungs-Zombies. Gemeint sind Orgas, die objektiv gesehen längst unwiederbringlich am Ende sind, oftmals sogar völlig bedeutungslos geworden sind, aber das Logo doch hin und wieder spukhaft auftaucht oder eine verlorene Seele mit einem Fähnchen einer längst fossilen Orga verloren über eine Demo wandelt.

Das eigentliche Probleme aber ist, dass die Bewegungs-Zombies ihr Geld lebendigen Bewegungen vorenthalten. Dazu sind sie Nebelkerzen der Mobilisierung: Mit ihrem teils noch recht bekannten Namen ziehen sie Menschen an und mobilisieren sie damit quasi ins Nichts. Spenden werben sie auch weiterhin ein.

Aufgrund der Entscheidungsdynamiken[3], ist es oftmals wesentlich einfacher gewohnte Dinge wie bspw. Demos zu starten, als einen Step back zu machen – geschweige denn die eigene Auflösung in die Wege zu leiten. Das liegt zumeist daran, dass es einfach ist Vorschläge und Entscheidungen zu blockieren, vor allem aber, dass es überall Menschen gibt, die nicht loslassen können, zwanghaft optimistisch oder einfach mutlos sind.

Beim Niedergang von Orgas lässt sich häufig beobachten, dass die Menschen nach und nach rausdroppen und aus sozialen Ängsten und/ oder mangelnder Ehrlichkeit ihre (wirklichen) Gründe nicht mitteilen. Falls die Orga noch zu transformieren ist, fehlt so wertvoller Input und falls nicht, fehlt den Verbliebenen der Wink mit dem Zaunpfahl. Außerdem bleibt bei einem Zerstreuen der Orga oft die eigene „Nachlassverwaltung“ bzw. Abwicklung auf der Strecke. Die Auflösung anzustoßen oder zumindest ehrlich beim Austritt zu sein, wäre weitaus besser als einfach rauszudroppen.


  1. Orgas: hier als Sammelbegriff für alle möglichen Formen von politischen Gruppen und Institutionen ↩︎
  2. gescheitert: Hochhalten von „produktivem Scheitern“, Verklärungen von positiven Ereignissen zu eigenen Erfolgen, obwohl das eigene Handeln dafür nicht ursächlich war oder andere Formen des Selbstbetrugs, sind klare Anzeichen für das Scheitern von Orgas. ↩︎
  3. Entscheidungsdynamiken: Wenn du feststellst, dass faktisch nur bestimmte Leute Entscheidungen in deiner Orga treffen können und deine Stimme kein Gewicht hat, bist du wohl an eine (links-)autoritäre Orga geraten… Aufklärung über Linksautoritarismus findest du z.B. hier: https://redflag.noblogs.org/ ↩︎

Das Rad ist bereits erfunden

Als linke Bewegungen müssen wir uns zweifelsohne neu erfinden und neue Wege gehen. Um sich weiterentwickeln zu können, ist es jedoch notwendig auf vorhandenem Wissen und Erfahrungen aufzubauen, statt mit jeder neuen Generation wieder bei Null anzufangen, altbekannte Fehler zu wiederholen und sich alle Skills neu anzueignen.

Ein zentrales Problem bei der Wissens- und Erfahrungsweitergabe ist mutmaßlich, dass so viele Menschen nicht lange genug Teil von linken Bewegungen bleiben, um eine Weitergabe leisten zu können. Die Gründe dafür sind vielfältig: Frustration und Resignation durch ausbleibende Erfolge, zwischenmenschliche Konflikte und politische Zerwürfnisse, Verbürgerlichung durch Zuckerbrot & Peitsche des Systems, Ausbrennen usw… Die verbliebenen alten Hasen bleiben außerdem oft eher für sich und die herrschende Altersdiskriminierung, die teilweise bereits ab einem Alter von 30 Jahren beginnt, tut ihr übriges.

Umso wertvoller ist es, Wissen und Erfahrungen verschriftlicht zu konservieren, zu sortieren und zugänglich zu machen. Deshalb wollen wir an dieser Stelle auf Projekte verweisen, die dies umsetzen:


Bewegungswiki

„Wir versuchen einen zentralen Ort für Wissen zu schaffen. Wissen, das uns hilft, den Kapitalismus zu überwinden und eine alternative Form des Zusammenlebens zu finden. Dazu gehöhen einfaches Faktenwissen, Skills, How-Tos und vieles mehr. Dieses Wissen existiert, allerdings verstreut über zahllose Städte und Gruppen verteilt. Dies soll ein Ort sein, um dieses Wissen zu sammeln, archivieren und verfügbar zu machen.“


Bibliothek der Freien

„Die Bibliothek der Freien ist eine Spezialbibliothek zu den Themen Anarchismus, Syndikalismus und herrschaftsloser Sozialismus. Mit etwa 4.000 Büchern und Broschüren sowie 8.000 Zeitschriften aus den letzten 130 Jahren gilt sie als größte öffentlich zugängliche anarchistische Bibliothek in Deutschland.“


How to Waldbesetzung

Dieses Zine haben wir als interessantes Beispiel für Wissens- und Erfahrungsweitergabe herausgegriffen. Zunächst einmal ist es an sich spannend, da die Waldbesetzungs-Szene sonst vergleichsweise wenig verschriftlicht. Ferner ist es spannend, da es viele Praktisches enthält (was auch außerhalb von Waldbesetzungen hilfreich sein kann), recht umfassend ist und dynamisch durch Zusendungen etc. weiterentwickelt werden soll. Außerdem ist es schonungslos ehrlich.


Geschichte der kommenden Welten

„Ein Podcast über linke Geschichte. Jeden zweiten Donnerstag erzählen sich Indigo und Sina abwechselnd von einem Ereignis, einer Biografie, oder einem Phänomen rund um linke, emanzipatorische Geschichte. Es ist die Geschichte der kommenden Welten, weil wir davon erzählen, wie Menschen in ihrer jeweiligen historischen Situation für eine bessere Zukunft gekämpft haben.“


No Trace Project

„No trace, no case. Eine Sammlung von Werkzeugen um Anarchist:innen und anderen Rebell:innen zu helfen, die Fähigkeiten ihrer Feinde zu verstehen, Überwachungsanstrenungen zu unterlaufen, und letztlich zu handeln ohne geschnappt zu werden.“


Internet Archive

„Internet Archive is a non-profit library of millions of free texts, movies, software, music, websites, and more.“
Für Bücher aller Art ist annas-archive.org auch eine lohnenswerte Adresse.
Die Nutzung des Tor Browsers oder VPN ist zu empfehlen.


CrimethInc

Dieser anarchistische Think Tank liefert Analysen, Grundlagentexte, How-Tos und vieles mehr. Auch zum Stöbern sehr gut geeignet.


Paradox-A

Dieser anarchistische Blog bietet eine breite Palette von Impulsen, Analysen, Veranstaltungshinweisen, Literaturübersichten und vielem mehr…


Sich Sachen anzulesen, kann eine hervorragende Basis für eine politische Praxis sein. Es gibt allerdings auch Erfahrungen, die jede*r selbst machen muss, was insbesondere für persönliche Erfahrungen gilt. Und natürlich braucht eine gescheite politische Praxis nicht nur ein gutes theoretisches Fundament, sondern auch eben eine tatsächliche Praxis.

5 Erkläransätze für das Scheitern der interventionistischen (Klima-)Bewegung

Das Narrativ des „Bewegungswinters“ entsprechend des Modells der Bewegungszyklen dominiert die Analyse des Niedergangs der Klimabewegung nach dem (vorläufigen) Höhepunkt 2019. Demnach müssen wir die aktuelle Schwäche einfach nur aushalten, irgendwie am Ball bleiben und Bewegungswissen konservieren. Der nächste „Sommer“ wird zwangsläufig und fast von selbst kommen, wenn wir einfach nur lange genug abwarten. Aber was, wenn das ein Trugschluss ist und die tatsächlichen Gründe für den Niedergang grundsätzlicher sind? Anhand von 5 Thesen legt dieser Text drastisch-polemisch dar, warum der postautonome Ansatz der interventionistischen Bewegungspolitik unserer Meinung nach zum Scheitern verurteilt ist. Er ist eine radikale Abrechnung mit der eigenen Praxis, soll provozieren und eine grundlegende Debatte anregen.1

1. Der Ansatz Mobilisierung statt Organisierung

Diese Kritik ist wahrscheinlich so alt, wie die postautonome Bewegung selbst. Zwar beteiligen sich an den (Groß)Aktionen auch langfristig organisierte Bezugs- und Politgruppen, ein Großteil der Teilnehmer*innen für die Proteste wird aber aus dem bürgerlich-linken, häufig studentischen Milieu mobilisiert. Jenseits von maximal ein bis drei Großaktionen im Jahr (Proteste gegen Gipfel oder Messen, EG/Disrupt Bündnisaktionen) und dem alle paar Jahre stattfindenden zentralen Kampf um Kristallisationspunkte (Hambi, Danni, Lützi) werden die darüber aktivierten Menschen nicht langfristig in die Bewegung eingebunden.

Dadurch kommt es für diese Teilnehmer*innen weder zu einem wirklichen Bruch mit dem eigenen bürgerlichen Leben – spätestens mit Ende des Studiums endet zumeist auch das politische Engagement – noch werden Fähigkeiten zur eigenständigen politisch-widerständigen Betätigung erlernt. Gleichzeitig wird aber das Gefühl vermittelt, mal so richtig was gegen das herrschende System gemacht zu haben (vgl. Punkt 2).

Auch im Kern der tatsächlichen Bewegung kommt es dabei zu keiner Weiterentwicklung, weil den Jahr für Jahr neu mobilisierten Menschen erst einmal grundlegende Fähigkeiten für die bloße Aktionsteilnahme vermittelt werden müssen. Ein Lernen aus Fehlern der vergangenen Aktionen ist nicht möglich, weil die vormals Beteiligten zu einem erheblichen Teil nicht mehr dabei sind (vgl. Punkt 2). Außerdem wächst die Bewegung nicht, kann also keine relevante Gegenmacht aufbauen.
Gleichzeitig gibt es aber den Selbstanspruch mit dem gleichbleibenden Ansatz erfolgreicher zu sein als im Vorjahr, der bei vielen erfahrenen Aktivist*innen zu extremen Ansprüchen an die eigene Arbeit führt und viel zu häufig mit dem Ausbrennen endet. Dadurch gehen wiederum Wissen und Fähigkeiten verloren, die Arbeit liegt auf noch weniger Schultern und es bleibt keine Zeit neuen Leuten, wenn diese überhaupt einen Zugang zur eigentlichen Bewegung finden, Fähigkeiten zu vermitteln.

2. Die doppelte „Selbstwirksamkeitsfalle“

Es steht außer Frage, dass sich in interventionistischen Aktionen das Gefühl dem herrschenden System ausgeliefert zu sein für einen begrenzten Zeitraum sehr konkret überwinden lässt und die eigene Handlungsfähigkeit spürbar wird. Das wirkt mitunter trotz des Risikos oder tatsächlicher psychischer, physischer und finanzieller Repression bestärkend und fühlt sich oft gut an.

Im besten Fall motiviert es Menschen sich auch über die konkrete Aktion hinaus in der Bewegung einzubringen, wenn es denn möglich ist einen Zugang zu finden. Die begeisterten Berichte der Neuen motiviert dann wieder die bisherige Orga und das Insta-Video über die Aktion hatte auch voll viele Aufrufe2. Es gab auch Presseberichte, also nicht nur in TAZ und ND. Und da schnappt sie zu, die Selbstwirksamkeitsfalle. Denn hat sich wirklich materiell etwas verändert? Oder hat sich zumindest der Diskurs so nachhaltig verändert, dass sich an der politischen Ausrichtung des Systems absehbar etwas ändern wird (vgl. Punkt 3)? Nüchtern betrachtet sind diese Fragen konsequent mit nein zu beantworten.

Der letzte materielle Erfolg den die Bewegung zu verzeichnen hat war der Atomausstieg und auch dieser ist nicht (allein) durch den Kampf der interventionistischen Bewegung, sondern erst nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima erreicht worden. Der politische „Erfolg“ des beschlossenen Kohleausstiegsdatums 2038 wird spätestens seit Merz Kanzler ist immer mehr in Frage stellt. Warum tappen wir dann immer wieder in die Selbstwirksamkeitsfalle?

Zum einen sind da der unbedingte Wille nach Erfolg (insbesondere in der Klimabewegung), die Notwenigkeit Erfolgsgeschichten zu erzählen, um bei der nächsten Aktion wieder neue Leute zu mobilisieren (vgl. Punkt 1), und das wir diese nach außen kommunizierten Erfolgsgeschichten auch selbst glauben, weil wir eben unbedingt Erfolge sehen wollen. So wird z.B. aus einer fünf mal online, im hintersten Winkel publizierten Agenturmeldung ganz schnell ein „Alle Medien berichten über unseren Protest“.

Zum anderen fehlt überwiegend die Kenntnis über die Perspektive derjenigen, die sich nach einmaliger Aktionsteilnahme frustriert von der Bewegung abwenden. Beispielsweise lagen die Aktionen in den Jahren 2021, 2022 und 2023 in ihrer Größe konstant bei rund 1000 teilnehmenden Personen3, gleichzeitig betrug der Anteil neuer Menschen Jahr für Jahr geschätzt zwischen 40 und 50 %. Das heißt also dass eine ebenso große Anzahl an Menschen für die Bewegung verloren ging. Die Gründe warum Menschen nicht erneut in Aktion gehen sind sicherlich vielfältig. Diese hohe Quote, in absoluten Zahlen bis zu 500 Personen pro Jahr, lässt sich aber ganz bestimmt nicht allein mit verschiedenen Protestorten, veränderten privaten Lebensumständen oder der Wirkung von Repression erklären.

Vielmehr werden Menschen mit dem Versprechen von Selbstwirksamkeit in die Aktion mobilisiert, erleben diese und stellen dann – wenn der Adrenalienrausch einmal abgeklungen ist – ernüchtert fest, dass sich durch die Aktion doch nichts geändert hat oder dass ihr Finger, der vielleicht heftige Polizeigewalt erfahren hat, nur Ablenkung für einen anderen klandestin organisierten kleinen Finger mit „höherem Impact“ war. Diese Menschen erleben die Selbstwirksamkeitsfalle bewusst, fühlen sich von Hochganz-Aftermovies verhöhnt und verlassen die Bewegung schnell wieder.

3. Die Erregung von Aufmerksamkeit als zentrales politisches Mittel

Zentrales Mittel interventionistischer Politik sind Aktionen zivilen Ungehorsames (ZU), die durch gezielte Gesetzesverstöße mediale Aufmerksamkeit generieren, damit gesellschaftliche Debatten beeinflussen, Diskurse nachhaltig verschieben und damit politische Entscheidungen herbeiführen sollen, die letztlich in materiellen Veränderungen resultieren. Dieser Ansatz muss als gescheitert betrachtet werden:

Zum einen ist die Erregung von Aufmerksamkeit durch ZU kein erfolgversprechendes Mittel (mehr). Denn seit jeher fordert die Medienlogik immer neue, krassere oder größere Aktionen, um ein gleichbleibendes Maß an Aufmerksamkeit zu bekommen, was allein aus den zuvor ausgeführten Punkten schwierig zu realisieren ist (vgl. Punkt 1 und Punkt 2). Zudem ist die Gesellschaft heute aber in einem „Zustand permanenter Erregung“, voller Eilmeldungen als Push-Notifications, Insta & TikTok Feeds. Das Leben in der Polykrise mit individuell immer dystopischer werdenden Lebensumständen, egal ob faktisch-materiell oder “nur“ in der eigenen Wahrnehmung, befeuert die Flucht in belanglosen Content, wahlweise in Form von Trash oder rage-bait. In Bezug auf den Klima-Kollaps tragen noch vers. Verdrängungsmechanismen dazu bei die Aufmerksamkeit eher auf andere Themen zu lenken.

Zum anderen führt die gesellschaftliche Fragmentierung dazu, dass es gar keinen tatsächlichen gesamtgesellschaftlichen Diskurs mehr gibt. Der gemeinsame Bezugspunkt der “Wikipedia-Tagesschau-Realität“, die unabhängig von der eigenen Haltung dazu als Basis für mehrheitsgesellschaftliche Diskurse betrachtet werden konnte, erodiert zunehmend und in den letzten Jahren immer schneller. Die gesellschaftliche Fragmentierung, die durch social-media-Blasen stark voran getrieben wurde, wird mit der allgegenwärtigen Präsenz von AI-Slop in naher Zukunft gesamtgesellschaftliche Diskurse verunmöglichen.

Aktionen, die vor 10 Jahren das Potential hatten zumindest gesamtgesellschaftliche Diskurse anzuregen, stellen so heute meist nur eine Randnotiz in der entsprechenden Blase dar. Nur bei bereits medial sehr präsenten Themen und entsprechend zeitnaher Intervention gelingt es noch einen gewissen Beitrag zur Debatte zu liefern. Ob der Aufwand und die häufig damit verbundene Repression im Verhältnis zu diesem maximal möglichen „Erfolg“ stehen, einen Beitrag im Diskurs mit weitgehend Gleichgesinnten gelandet zu haben, ist dennoch fraglich (vgl. Punkt 2 und Punkt 4).

4. Das Konzept des „produktiven Scheiterns“

In den Aktionen der interventionistischen Bewegung wird von vornherein nicht davon ausgegangen, dass die propagierten Ziele mit der Aktion erreicht werden können. Da die Interventionen zeitlich begrenzt sind und durch sie keine systemgefährdende Gegenmacht aufgebaut wird, zielt die einzelne Intervention auf eine stückweise Diskursverschiebung ab (vgl. Punkt 3). Durch die Diskurverschiebung infolge einer Reihe an sich scheiternder Aktionen soll letztendlich ein politischer Teilerfolg errungen werden, der sich langfristig in tatsächlichen, materiellen Veränderungen niederschlagen soll.

Die Erfolgswahrscheinlichkeit dieses Konzeptes wird schon allein aus den in Punkt 3 ausgeführten Gründen immer geringer. Über die Frage, ob das Konzept überhaupt grundsätzlich-theoretisch das Potential für wirkliche Systemveränderungen bieten könnte oder auf reformistische Veränderungen – die vom kapitalistischen System vereinnahmt werden können – begrenzt ist, lässt sich sicherlich streiten. Ebenso darüber was es über uns aussagt das eigene Scheitern von Anfang an einzuplanen.

Insbesondere in der Klimafrage stellt es aber ohnehin keinen tauglichen Ansatz (mehr) dar. Wir stehen aktuell (Stand Dezember 2025) bei 1,5 °C Erderwärmung, laut climate action tracker ist die aktuelle Perspektive 2,7 °C bis Ende des Jahrhunderts (veraltete Daten, keine Berücksichtigung von Kipppunkten).

Jedes Scheitern einer Intervention ist dabei zumindest ein Stück weit ein endgültiges Scheitern, denn einmal ausgestoßene Klimagase haben ja ab ihrer Emission direkte Auswirkungen und lassen sich auch nicht einfach in der Zukunft wieder einfangen und wirken jahrzehnte lang klimaerwärmend.
Die zeitliche Dynamik des Klimakollaps macht das Konzept weitgehend sinnfrei, was wiederum die Mobilisierung schwächt. Zudem lässt sich nur gegen bestehende und in begrenzterem Umfang auch gegen im Bau befindliche Infrastruktur intervenieren, aber nicht gegen Planungen oder für Alternativen (vgl. Punkt 5).

5. Der „Feuerwehr-“ und „Ufo-Aktivismus“

Auch diese Kritiken sind nicht neu, es findet sich aber erstaunlich wenig der Debatte darüber in verschriftlichter Form. Feuerwehraktivismus bezeichnet den zuvor skizzierten Fokus auf den Kampf gegen etwas das beendet oder verhindert werden soll. Der Kampf ist dabei aber immer nur reaktiv und zeigt selbst keine Vision oder Utopie auf, von Versuchen diese umzusetzen ganz zu schweigen.

Das kapitalistische System wird dabei nicht an sich herausgefordert, sondern es wird sich an einzelnen Aspekten abgearbeitet. Wo mal kleinere „Erfolge“ zu verzeichnen sind, weicht das System auf andere Wege aus oder findet neue. Prägnantest Beispiel dafür ist der Gaseinstieg nach Beschluss des Kohleausstiegs. Die Versuche der Diskursintervention, die sich gegen neue Projekte richten, starten meist zu einem sehr späten Zeitpunkt, wenn die politische Entscheidung schon lange gefallen und (Bau-)Verträge unterschrieben sind. Zudem gehen die Aktionen nicht nur medial unter (siehe Punkt 3), sondern sind vom System sowohl finanziell als auch von ihrer verzögernden Wirkung schon länger eingepreist.

Das alles klingt sehr deprimierend, aber zumindest vor Ort bekommen Menschen doch von den Aktionen mit und lokal widerständige Menschen werden in ihrem Handeln bestärkt, oder? Mit Ufoaktivismus wird das Phänomen beschrieben, dass bei Aktionen der interventionistischen Bewegung überwiegend Aktivist*innen von überall her an einem Ort für eine zeitlich begrenzte Aktion zusammenkommen, ohne Kenntnis und Rücksicht auf die lokalen Gegebenheiten und den schon lokal vorhandenen Widerstand.

Ohne diese kommt es jedoch nicht zu nachhaltigen Veränderungen vor Ort. Richtet sich die Aktion gegen einen Konzern, werden bei den Beschäftigten durch das Auftreten von anonymen Aktivist*innen, die zudem meinen alles besser zu wissen, tendenziell eher Abwehrreflexe bis hin zur Solidarisierung mit Arbeitgeber*innen, hervorgerufen.

Zwischen Aktivist*innen werden auch keine langfristigen Beziehungen aufgebaut, denn mit Ende der Aktion endet der gesamte Protest. Ist ja auch gar nicht nötig, schließlich wird beim nächsten mal wieder neu mobilisiert (vgl. Punkt 1).

Was nun?

Dieser Text beinhaltet bewusst keine Lösungsansätze. Nicht das es an interessanten alternativen politischen Ansätzen mangeln würde, die es wert sind ausprobiert zu werden. Sondern weil der Fokus auf den geschilderten Kritikpunkten liegen soll. Jedes Plädoyer für die eine oder andere Alternative zu weiteren vergeblichen interventionistischen Aktionen würde das Risiko bergen, den gedanklichen Fokus auf Für und Wider dieser Alternativen zu verlagern, anstatt über die eigentlichen Thesen zu reflektieren. Zudem gibt es für verschiedenste Ansätze entsprechende Literatur zur Einführung, die der Darstellung derselben viel besser gerecht wird…


Wenn dieser Text bei euch ein Nachdenken angestoßen hat, dann verbreitet ihn doch gern, diskutiert ihn in euren Zusammenhängen oder schickt uns Feedback an Thema-Kollektiv@Systemli.org.

P.S.:

Egal wie ihr euch zukünftig politisch organisiert, bitte bleibt emanzipatorisch und rennt nicht autoritären Kadern hinterher!
Zudem möchten wir euch noch diese beiden Texte empfehlen, die uns neben Anderem zur kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Praxis inspiriert haben:


Fußnoten:

1 Wir schreiben zwar aus der Position (ehemaliger) Klimaaktivistis mit den entsprechenden Erfahrungen und teilweise spezifischen Problemstellungen. Dennoch sind wir der Ansicht das sich große Teile der Argumentation auch auf andere Kampffelder übertragen lassen, da sie der interventionistischen Bewegungspolitik inhärent sind.

2 Also solange wir uns nur mit den sonstigen Aufrufen unserer eigenen Kanäle vergleichen. Im Vergleich mit Influencer*innen oder rechten Kanälen sieht es absolut bitter aus.

3 Dass die Mobilisierung der Initiative “Widersetzen“ mittlerweile deutlich erfolgreicher läuft als es beispielsweise “Ende Gelände“ je war, wollen wir natürlich nicht abstreiten. Ob sich trotz den Mobi-Profis von Marx21 nicht irgendwann massenhaft Leute der Selbstwirsamkeitsfalle bewusst werden bleibt zweifelhaft, schließlich ändern die Blockaden auch nichts und die Anzahl an Teilnehmer*innen bei “Ende Gelände“ Aktionen ging von 2015 bis 2019 auch stetig bergauf.


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Was Demos können und was nicht

Ob links-bürgerlich oder linksradikal, Demos sind in Deutschland vor allem langweilig und frustrierend – von Polizeigewalt und Schikanen mal abgesehen… Die Initiative „Demos neu denken“ bringt die zentralen Schwächen gängiger Demos in ihrem Text „5 Thesen und eine Vision zu Demos“ gelungen auf den Punkt. In einem Artikel in der Zeitung „Analyse & Kritik“ exerzieren sie dies an der Kampagne „Widersetzen“ durch. Der zentrale Take ist, dass Demos statt an Politik und Co zu appellieren, dem Bewegungsaufbau dienen könnten und sollten. Das ist durchaus sinnvoll. Aber was können Demos vielleicht noch? Und was können sie nicht? Darum geht es im Folgenden. Dabei dient der vergangene Kampf gegen die Klimakatastrophe als Anschauungsbeispiel.

  1. Demos können das Bewusstsein für ein Thema schaffen und stärken. Das hat die Klimabewegung unter anderem mit Demos zweifelsohne geschafft. Das Thema Klima war in aller Munde.
    Das Aufzeigen von Widerspruch, lässt sich ebenfalls durch (Gegen-)Demos vermitteln.
  2. Was ebenfalls mit Demos erreicht wurde, war das Gefühl mit dem drohenden Klimakollaps nicht alleine zu sein, nicht die einzige Person zu sein, die sieht, dass dringendst etwas getan werden muss. Außerdem kann die öffentliche Raumnahme durch eine Demo sowie das Herausschreien von Wut und Frust eine durchaus bereichernde Erfahrung sein.
  3. Solidaritätsbekundungen können auch durch Demos vermittelt werden. Anders als bei Punkt 2 geht es dabei darum, dass eine Gruppe von Menschen außerhalb der Demo erfahren sollen, dass sie nicht allein sind. Je unmittelbarer diese Solidaritätsbekundungen sind, desto wirksamer sind diese tendenziell. Bei einer Soli-Demo vor einer von Räumung bedrohten Waldbesetzung kommt die Message schließlich besser bei der Zielgruppe an, als bei einer Soli-Kundgebung in Deutschland für Communities im Globalen Süden. Solidaritätsbekundungen und praktische Solidarität sind natürlich auch zwei Paar Schuhe…
  4. Demos haben das Potenzial zu Mobilisieren und zu Politisieren. Die Klimabewegung hatte dies relativ gut hinbekommen. Entscheidend ist dabei unter anderem die gefühlte (oder auch tatsächliche) Selbstwirksamkeit. Diesen Punkt vermisst „Demos neu denken“ zu Recht in den aktuellen linken Bewegungen. Die anknüpfenden Fragen „Mobilisierung & Politisierung wohin bzw. wozu?“ werden auch viel zu selten gestellt. Das Fehlen niederschwelliger Basisorganisationen und der Hang zum Event- und Kampagnen-Aktivismus führt regelmäßig dazu, dass Menschen quasi ins Nichts mobilisiert werden und es schwer haben mit einer weiterführenden Politisierung.
  5. Imageschäden sind ein weitere Sache, die mit Demos erreicht werden können – sei es bei Unternehmen, Regierungen, einzelnen Parteien oder anderen Organisationen. Dafür sind allerdings drei Voraussetzungen entscheidend: 1. das Image ist für das Ziel von zentraler Bedeutung (vgl. Lifestyle-Unternehmen und Kohlekonzern), 2. das Image ist durch Skandal-Aufdeckungen und ähnliches effektiv angreifbar (vgl. Grüne und AfD) und 3. muss die mediale Selbstverteidigung des Ziels schwächer sein als der Angriff auf das Image. Mit Demos Imageschäden zu erreichen ist also sehr voraussetzungsvoll. Die Klimabewegung ist daran gescheitert. Greenwashing hat sich erfolgreich durchgesetzt.
  6. Theoretisch können Demos auch als Drohgebärde funktionieren. So zahnlos Demos hierzulande in den letzten Jahren waren, ist das momentan natürlich schwer vorstellbar. Auch Demos, die sich selbst als „kämpferisch“ oder ähnlich verbal-radikal bezeichnen, lassen die Herrschenden gähnend zurück und dienen mehr als Übungs- und Spielplatz eines zunehmend militarisierten Polizeiapparats. Vielmehr erreichen die meisten solcher Demos eher das Gegenteil einer Drohung. Auch ab von „kämpferischen“ Demos sind Demos, die wenig Teilnehmende und wenig Energie vorzuweisen haben, ein Zeichen dafür, dass das Thema der Demo nicht die Massen bewegt und schon gar nicht auf einen Aufstand o.ä. hinauslaufen wird. Die Klimabewegung hat keine Demos mit einem Droh-Charakter hervorgebracht, wohl aber nach der Hochzeit der Bewegung das Gegenteil mit entsprechenden Demos bewirkt…
  7. Das Versammlungsrecht bietet einen relativ weiten legalen Rahmen für Demos. So haben Teil der Klimabewegung Demos geschickt als Vehikel für Aktionen des zivilen Ungehorsam verwendet. Allerdings standen und stehen solche Aktionen vor teils ähnlichen Problemen, wie Demos, da auch sie vorrangig Appell-Charakter haben im Gegensatz zu direkten Aktionen.

Demos können also eigentlich eine ganze Menge. Ihre Potenziale werden mal besser und mal schlechter ausgeschöpft. Eine Sache können sie aber definitiv nicht. Sie können nicht die geforderten politischen Veränderungen herbeiführen. Warum? Die Antwort steckt indirekt bereits im vorigen Satz. Demos fordern Dinge, sie appellieren. Sie verändern nichts direkt selbst, sondern zielen darauf ab, dass andere wie Regierungen oder Unternehmen das Geforderte umsetzen. Da in aller Regel sehr gegensätzliche Interessen zwischen den Fordernden und den, die die Forderungen umsetzen sollen, besteht, werden diese Appelle unterm Strich ignoriert oder kaschiert (siehe Greenwashing). Die Klimabewegung kann da ein Lied von singen… Was fehlt, ist zumeist ein Hebel, der die Forderungen durchsetzbar macht. So lassen sich weder Klimakollaps noch der aufsteigende Faschismus wegappellieren.

Fazit:

Es ist sinnvoll, sich vor Augen zu führen, was die Aktionsform Demo erreichen kann und was nicht. So können Demos taktisch gezielt als ein politisches Mittel von vielen eingesetzt werden und nicht aus stumpfer Gewohnheit oder als Reflex auf Anlass XY veranstaltet werden.


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System Change wann? Aktionen, die was bringen

Direkte Aktionstatt Bittstellerei

Der Irrglaube, mit dem Appellieren (Forderungen stellen) an das System – ganz gleich ob Politik, Wirtschaft, whatever –, das System verändern zu können, dominiert unsere Bewegung.

Mit Appellen wie Demos, Petitionen, symbolischen Aktionen usw. können wir auf Themen aufmerksam machen und sie in den Diskurs einbringen. Wobei es „den“ Diskurs so nicht mehr gibt. Die Gesellschaft ist so fragmentiert (vereinzelt in verschiedene Gesellschaftsteile), dass vielmehr zahlreiche Diskurse ziemlich losgelöst voneinander stattfinden. Angesichts der Vielzahl an Krisen, Kriegen & Katastrophen und der dauerhaften Reizüberflutung, fällt es oft auch einfach schwer neue Informationen aufzunehmen und sich damit dann auch entsprechend auseinanderzusetzen. Aber selbst, wenn wir dann mal nicht an den Medien in der Führung des Diskurses scheitern, wir mit der Aufmerksamkeitsökonomie, in der Aktionen immer größer, krasser oder neuartiger sein müssen, Schritt halten können und große Teile der Gesellschaft erreichen, müssen wir folgendes anerkennen: Der Diskurs kann nie einen System Change herbeiführen, da er stets im System erfolgt.

Eine Demo kann noch so groß sein, sie führt nie eine revolutionäre Veränderung herbei. Es bleibt stets ein Appell und Appelle werden ignoriert. Alle Bestandteile des Systems und seine Folgen sind keine Fehler im System, sondern zentraler Bestandteil von diesem. So ist bspw. Rassismus unerlässlich, um die neokoloniale Maschinerie am Laufen zu halten. Dazu kommt noch die Tatsache, dass wir in einer Verdrängungsgesellschaft leben. Die unlösbare Krise des Systems führt, dazu, dass sich das System immer offen autoritärer und gewaltsamer verteidigt, bis es irgendwann kollabiert.

Dementsprechend verhallt jeder Appell zur Behebung der „Fehler“ einfach. Es wird immer schwieriger und unwahrscheinlicher dem System irgendwelche Zugeständnisse abringen zu können. Solche dienen zur Befriedung, aber das ist offenkundig nicht mehr der Modus unserer Zeit…

Lasst uns nicht weiter an solcher Bittstellerei und Reformismus abarbeiten. Lasst uns einen revolutionären System Change selbst herbeiführen!

Natürlich bedeutet das nicht, dass appellative, symbolische Aktionen nichts bringen können. Sie können…

  • …ein Bewusstsein für Themen schaffen und stärken. Das ist ein guter erster Schritt. Entscheidend ist, was darauf folgt bzw. was der Hebel zur Veränderung sein kann.
  • …das Image von Institutionen, Parteien, Unternehmen usw. beeinflussen. Das ist, je nachdem um was oder wen es geht, unterschiedlich relevant. Oft ist das aber ein ungleicher Kampf, da auf der Gegenseite oft viel mehr Geld und andere Ressourcen zur Verfügung stehen.
  • …Menschen politisieren und mobilisieren. Dabei spielen das gemeinsame Zusammenkommen (z.B. bei Demos) und Erfahren vermeintlicher (manchmal auch tatsächlicher) Selbstwirksamkeit eine zentrale Rolle.
  • …eine Drohgebärde darstellen im Sinne von „Wenn ihr das und das (nicht) macht, machen wir Krawall!“. Das setzt ein entsprechend glaubwürdiges Auftreten voraus. Andernfalls kann so eine Aktion auch das genaue Gegenteil bewirken. Entscheidend dabei ist auch, dass in greifbarer Vergangenheit auch schon mal ernst gemacht wurde…

Diese Möglichkeiten sind, gerade im Hinblick auf einen System Change als Zielsetzung, schlichtweg unzureichend. Anstatt einer zentralen Rolle, sollte solche Aktionsformen eher eine unterstützende Rolle für direkte Aktionen zu Teil werden. Fraglich ist auch, ob appellative, symbolische Aktionen in den genannten Punkten besser geeignet sind als direkte Aktionen.

Selbstermächtigung statt Traumatisierung

Viele unserer gängigen Aktionsformen beinhalten die Konfrontation mit den Cops, ohne aber dieser Konfrontation standhalten zu können. So werden wir regelmäßig weggetragen, verprügelt und in ihre Zellen verschleppt. Das ist nicht gerade selbstermächtigend … Die damit einhergehenden physischen, psychischen und durch juristische Repressionen finanziellen Schäden werden oftmals als „notwendiges“ Übel hingenommen, statt durch die Wahl anderer Aktionsdesigns vermieden. Mackrige Möchtegern-Militante relativieren oder heroisieren das Ganze dann auch noch viel zu oft, was den Betroffenen überhaupt nicht hilft.

Und wollen wir nicht eigentlich mehr werden? Solche Aktionen wirken zu recht abschreckend auf viele. Wäre es nicht viel schöner, wenn unsere Aktionen stattdessen FOMO (fear of missing out) – also die Angst etwas zu verpassen – auslösen würden? Das soll kein Appell dafür sein, nur noch Party-Umzüge zu veranstalten – auch wenn Spaß auf Aktionen natürlich herzlich willkommen ist. Vielmehr sollten Teilnehmende unserer Aktionen Selbstermächtigung erfahren. Dazu sind tatsächliche Erfolge notwendig.

Aktionsziele

Klar, wir wollen einen System Change, aber welche Steps sind bis dahin zu absolvieren? Die Leitfrage ist wieder „Hilft diese oder jene Handlung, uns näher an das Ziel zu bringen oder nicht?“. Dafür sind klar definierte (also messbare) und auch erreichbare Ziele bei jeder Aktion wichtig. Grundlage muss eine Theory of Change sein – also einer Idee, wie ein System Change tatsächlich erreicht werden kann. Anhand dieser Ziele können wir planen, handeln und anschließend die Aktion auswerten.

Ein häufiges Problem bei Aktionszielen ist nämlich, dass nicht berücksichtigt wird, ob sie im Einklang mit der eigenen Strategie sind oder nicht, Das liegt oftmals daran, dass es gar keine (klare) Strategie gibt. Stattdessen sehen wir viel ziellosen, impulsiven Aktionismus. Es lohnt sich die Zeit zu nehmen um eine konkrete Strategie zu entwickeln und sich anschließend passende Taktiken und entsprechende Aktionen zu überlegen.

Bei der Auswahl der Aktionsziele gegen das System können diese Fragen helfen:

  • Treffen wir es damit, wo es wehtut?
  • Treffen wir es damit, wo es schwach ist?
  • Treffen wir es damit, wo es nicht erwartet wird?

Erreicht eine Aktion nicht ihr Ziel, ist sie gescheitert. Das heißt jedoch nicht, dass sie nichts Positives bewirkt hat. So kämpften die Suffragetten Anfang des 20. Jahrhunderts in Großbritannien nicht „nur“ für ein Frauenwahlrecht, sondern gegen das Patriarchat insgesamt. Nach langen, harten Kämpfen schafften sie zumindest ersteres. Viele soziale Bewegungen konnten ihre Ziele nicht vollständig, aber teilweise erreichen. Das wird auch als produktives Scheitern bezeichnet. Das kann eine revolutionäre Errungenschaft sein. Es kann aber auch ein Trostpflaster sein, das mithilfe einer ordentlichen Portion Selbstbetrug zu einer großen Errungenschaft verklärt wird. Oder es kann eben auch ein Zugeständnis sein, dass aus taktischem Kalkül zur Befriedung bzw. Ruhigstellung gegeben wird…

Der Punkt nun ist folgender: Im Hinblick auf eine Geschichte, die voll von produktivem und unproduktivem Scheitern ist, neigen wir als Bewegung immer mehr dazu das eigene Scheitern von vornherein mit einzuplanen. Das hat zur Folge, dass es gar keine richtigen Aktionsziele mehr gibt. Wenn eine Aktion dann doch mal zufällig klappt, versandet ihr Erfolg dann oft auch direkt wieder, weil kein Mensch es gewagt hat, einen darauf folgenden Schritt zu planen. Das soll nicht heißen, dass wir einfach wieder an uns glauben müssen. Das soll heißen, dass wir so planen sollten, dass unsere Aktionsziele auch Erfolg zum Ziel haben.

Aktionsmittel

Direkte Aktionen sind Aktionen, die unmittelbar zu Veränderungen führen. Das kann z.B. die Sabotage eines Kohlebaggers, der Hack eines Fascho-SocialMedia-Kanals oder die Bestreikung eines Betriebs sein. Aber direkte Aktionen allein werden uns nicht zum Ziel führen.

Eine Vielfalt der Aktionsmittel ist entscheidend („diversity of tactics“). Auch wenn direkte Aktionen im Zentrum stehen sollen, sind sie als Ergänzung der gängigen Aktionsformen zu betrachten.

Zum einen braucht es oft andere Aktionen für die Erklärbarkeit und somit auch Anschlussfähigkeit. Zum anderen kann es so zu Synergien und Flankeneffekten kommen. Synergien meint, dass verschiedene Aktionen ineinander greifen und sich so durch ihr Zusammenwirken gegenseitig bestärken. Flankeneffekte meint, dass radikalere Aktionen bzw. Positionen moderatere legitimieren. Wenn etwa beim Feilschen beim Verkauf einer Ware ein höherer Preis als angemessen als Ausgangspunkt angelegt wird, dann ist es wahrscheinlicher, dass am Ende der Preisverhandlung der angemessene Preis herauskommt, als wenn dieser der Ausgangspunkt gewesen wäre, da die*der Käufer*in so oder so den Preis herunter verhandeln möchte. (Das soll keineswegs heißen, dass radikale Ziele nicht angemessen sind, sondern lediglich als Erklärungshilfe dienen.)

Aktionsdarstellung

Ein besonderes Augenmerk sollte bei direkten Aktionen auf die Öffentlichkeitsarbeit gelegt werden. Zum einen bedarf es zwecks Anschlussfähigkeit oft einer Erklärung, warum zu diesem oder jenem Mittel gegriffen wurde und warum das notwendig ist. Zum anderen werden solche Aktionen gerne unter den Teppich gekehrt und nicht darüber berichtet.

Das passiert nicht, weil es an Nachrichtenwert fehlt, sondern weil die eigene Angreifbarkeit verborgen werden soll, da dies zum Beispiel Anhänger*innen oder Investor*innen abschrecken kann, und aus Angst vor Trittbrettfahrer*innen (Nachmacher*innen), die wir ja aber sehr gerne wollen. Mit unserer Öffentlichkeitsarbeit müssen wir also sicherstellen, dass unsere Aktionen und ihre Botschaften ihre Zielgruppen auch erreichen. Auf konventionelle Medien können wir uns da nicht verlassen – mal abgesehen davon, dass sie selten wohlwollend über solche Aktionen berichten …

Und ab davon ist die psychologische Wirkung von direkten Aktionen nicht zu vernachlässigen, ganz gleich, wie erfolgreich sie an sich bereits waren. Sie können im System für Verunsicherung und Demoralisierung sorgen, während sie uns enorm empowern können. Die Darstellung der erzielten Erfolge ist auch entscheidend, um attraktiv für mögliche Mitstreiter*innen und Unterstützer*innen zu werden.

Aktionsfrequenz und Aktionsorte

Kristallisationsorte, an denen sich Kämpfe zuspitzen, bieten enormes Potenzial bis hin zur Revolution. Aber dafür müssen die Umstände stimmen, und der Kampf muss bereits groß genug dafür sein. Davon sind wir aktuell weit entfernt. Es kann sinnvoll sein, (bis dahin) dezentral zu agieren. Guerilla-Taktiken können da manchmal größere Handlungsspielräume eröffnen als „das große Ding“, dem sich dann auch die Cops etc. hinorientieren und es schnell zu einem eins-zu-eins Kräftemessen kommt.

Zudem ist das System sehr resilient und kann einige Großaktionen im Jahr gut wegstecken, während sie uns viele Kapazitäten und Ressourcen kosten. Den Druck kontinuierlich aufrecht zu halten ist entscheidend. Reiner Event-Aktivismus bringt uns nicht voran. Es braucht also eine sorgfältige Abwägung, wie zentral oder dezentral ein Kampf zu führen ist.

Es ist sehr kräftezehrend, neue Kämpfe von Null aus aus dem Boden zu stampfen. Unser Kampf ist global. Es ist also ratsam, bestehende lokale Kämpfe groß zu machen und dort klar aufzuzeigen, dass sich diese in internationale Kämpfe einfügen, anstatt zu versuchen, die Kämpfe aus anderen Ländern hier zu kopieren ohne einen greifbaren Bezug.

Let’s fight for a System Change!


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(Wohlfühl)-Aktivismus überwinden

Anmerkung zur Verwendung von Begriffen

Die Begriffe wie „Bewegung“, „Aktivismus“, „Aktionen“, „Gruppen“ sind jeweils als große Klammern und nicht zwingend im Wortlaut zu verstehen.

Das Problem mit dem Stellvertretungs-Aktivismus

Wofür machen wir eigentlich Aktivismus? Wofür oder wogegen sind wir aktiv? Beim „Wogegen“ finden sich leicht zahlreiche Antworten wie der Kampf gegen Kapitalismus, Patriarchat, Faschismus, Rassismus, Antisemitismus, Queerfeindlichkeit usw… Beim „Wofür“ wird es dann oft recht vage, was die Antworten anbelangt. Das ist eine äußerst wichtige Frage, die konkrete Antworten braucht, aber bleiben wir hier trotzdem mal bei dem „Wogegen“, da dort mehr Klarheit herrscht bzw. die Motivation bei vielen Aktivist*innen zu sein scheint.

Außerdem ein kurzer Blick auf die Menschen, die „die“ linke Bewegung in Deutschland bilden: Auch wenn wir keine statistischen Untersuchungen durchgeführt haben, können wir feststellen, dass der überwiegende Teil der Bewegung weiß ist, keine (nah zurückliegende) Migrationsgeschichte hat, aus der Mittelschicht stammt, keine Behinderungen hat und tendenziell akademisch ist. Kurz gesagt: Der Großteil von uns ist ziemlich privilegiert. Wir sehen, dass versucht wird Privilegien zu reflektieren, die Lebensrealität weniger/nicht privilegierter Menschen zu verstehen und zugänglicher zu werden, sodass diese Privilegien weniger Voraussetzung werden, um Teil der Bewegung zu werden. Das ist unglaublich wichtig und muss weiter aktiv vorangetrieben werden!

Kommen wir zurück zu dem „Wogegen“. Wenn jetzt bspw. Weiße sich gegen Rassismus oder cis Menschen gegen Transfeindlichkeit engagieren, ist das zunächst einmal eine super Sache. Dabei kämpfen sie gegen etwas, wovon sie selbst nicht betroffen sind. Neben Problemen, wie Weißes Rettertum[1], ist die Schwierigkeit hierbei zu erkennen, ob das jeweilige Engagement, die Veranstaltungen, Demos oder Aktionen etwas bringen, oder nicht. Warum? Zum einen ist es natürlich oft schwierig zu fassen, was bspw. diese oder jene Aktion gebracht hat, was durch Verzögerung von Ursache (hier die Aktion) und Wirkung (z.B. politische Veränderung) sowie durch zahlreiche andere Faktoren (z.B. wirtschaftliche Umstände) erschwert wird.

Zum anderen führt die mangelnde Betroffenheit dazu, dass es sehr schwer ist den Erfolg oder Misserfolg der Aktion beurteilen zu können.

Dazu kommt außerdem, dass Betroffene nicht gehört werden oder gar nicht Teil der jeweiligen Gruppe, die die Aktion durchgeführt hat, sind. Das ist fatal und führt letztendlich dazu, dass Sachen (nicht nur Aktionen) gemacht werden, die ineffektiv sind zum Erreichen der Ziele, wie z.B. Rassismus oder Transfeindlichkeit zu bekämpfen, und diese ineffektiven Sachen auch noch fortwährend wiederholt werden.

Warum fällt das so wenigen auf? Zunächst einmal gibt es oft keinen greifbaren Erfolg, wie wir festgestellt haben. Stattdessen wird der Erfolg anhand von Teilnehmer*innenzahlen, medialer Reichweite, Aufgebot der Cops oder anderen vermeintlichen Anhaltspunkten beurteilt. Daran anknüpfend, wollen wir folgende These aufstellen: Rational wollen wir, um bei dem Beispiel zu bleiben, Rassismus und Transfeindlichkeit natürlich bekämpfen. Emotional wollen wir (hier die nicht Betroffenen) jedoch vor allem eine*r von „den Guten“ sein. Dabei schwingt auch das (unterbewusste) Wissen mit, dass mensch aufgrund der eigenen Sozialisierung sich selbst auch nicht (völlig) freisprechen kann von Rassismus oder Transfeindlichkeit. So dient dann der eigene Aktivismus, die Aktionen etc. unbewusst vor allem dazu, sich selbst besser zu fühlen – vielleicht sich sogar moralisch überlegen gegenüber den Rest der Gesellschaft zu fühlen. Die eigentlichen Ziele bleiben dahinter zurück…

Die Lösung? Wir müssen als linke Bewegung mehr über das lernen, was wir bekämpfen wollen und unsere eigenen Privilegien entsprechend reflektieren. Wir müssen Betroffenen zuhören und Kritik annehmen und uns auch selbst stets konstruktiv kritisieren, um daran wachsen zu können. Und natürlich müssen wir offener und zugänglicher für Betroffene werden ohne sie auf die Betroffenheit zu reduzieren. All das ist weder bequem, noch einfach, aber notwendig, wenn wir es ernst meinen.

Das Problem mit der Selbstwirksamkeitsfalle

Der überwiegende Teil der Aktionen (hier als Sammelbegriff für Output) „der“ linken Bewegung sind appellativ. Das meint, dass die Aktionen selbst (im Gegensatz zu direkten Aktionen) nicht direkt zu Veränderungen führen, sondern die angestrebten Veränderungen mit Forderungen bzw. Appellen und Einwirken auf den Diskurs erreichen sollen.

Sobald die Appelle aber auf entschiedene Widerstände seitens Politik/Wirtschaft treffen, werden die Aktionen schnell völlig wirkungslos.

Außer Frage aber steht, dass sich diese Aktionen das Gefühl, dem herrschenden System ausgeliefert zu sein, für einen begrenzten Zeitraum sehr konkret überwinden lassen und die

eigene Handlungsfähigkeit spürbar wird. Das wirkt mitunter trotz psychischer und physischer Repression bestärkend und fühlt sich gut an. Mediale Reichweite kann zusätzlich bekräftigend wirken. Und da schnappt sie zu die Selbstwirksamkeitsfalle. Denn hat sich wirklich materiell etwas

verändert? Oder hat sich zumindest der Diskurs so nachhaltig verändert, dass sich an der politischen Ausrichtung des Systems absehbar etwas ändern wird? Nüchtern betrachtet sind diese Fragen zumeist mit „nein“ zu beantworten. So war bspw. der letzte nennenswerte materielle Erfolg der Umweltbewegung der Atomausstieg und auch dieser ist nicht allein durch den Kampf der Bewegung, sondern erst nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima erreicht worden.

Warum tappen wir immer wieder in die Selbstwirksamkeitsfalle? Zum einen sind da der unbedingte Wille nach Erfolg, die Notwenigkeit Erfolgsgeschichten zu erzählen, um medial gut wegzukommen, bei der nächsten Aktion wieder neue Leute zu mobilisieren und vor allem, dass wir unsere nach außen kommunizierten Erfolgsgeschichten auch selbst glauben, weil wir eben unbedingt Erfolge sehen wollen. So wird z.B. aus einer fünf mal online, im hintersten Winkel publizierten dpa-Meldung ganz schnell ein „Alle Medien berichten über den Protest!“.

Zum anderen fehlt vor diesem Hintergrund und von dem Hintergrund des oben geschilderten Stellvertretungs-Aktivismus regelmäßig eine nüchterne Auswertung der Aktionen.

Ein Presse-Screening – also zu schauen, wer, wo, wie über die Aktion berichtet und reagiert hat, ist für die Auswertung der eigenen Öffentlichkeitsarbeit wertvoll, aber darüber hinaus nicht zur Beurteilung des Aktionserfolgs, wenn dieser auf tatsächliche Veränderungen abzielt. Bei appellativen Aktionen ist das Messen des Erfolgs gar nicht so einfach, aber nicht weniger wichtig um zu schauen, was gut oder schlecht funktioniert für die nächste Aktion.

Klarheit beim Formulieren der Aktionsziele kann helfen sowie das genaue (manchmal langwierige) Beobachten des (Nicht-)Eintretens der erhofften Veränderungen.

Das Problem mit der Identitätspolitik

Grundsätzlich hat linke Identitätspolitik durchaus ein positives Potential. Allerdings sehen wir in der Bewegung (Szene miteingeschlossen) eine enorme Überbetonung der Identität, die zu viel Abgrenzung statt zu einem Zusammenrücken führt.

Es ist keine Identitätspolitik, die offen nach außen linke Identitäten attraktiv macht.

Vielmehr scheint es darum zu gehen, ein*e von „den Guten“ zu sein und sich von allen anderen mit anderen Ansichten, anderem politischen Ausdruck etc. abzugrenzen und auf diese hinab zu blicken. Dieses Verhalten sehen wir sowohl innerhalb der Bewegung als auch gegenüber Menschen der Mehrheitsgesellschaft. Konstruktive Diskussionen sind so kaum möglich und zugänglicher werden wir damit auch nicht.

Politische Ziele treten hinter dem Profilieren der eigenen Identität zurück. So drehen wir uns immer mehr um uns selbst – seien es die Themen in unseren Plena oder auf unseren Demos. Ein gutes Beispiel dafür sind linke 1.-Mai-Demos. Es wird von „den Arbeitern“ (hier bewusst nicht gegendert) oder noch schlimmer „dem Proletariat“ gesprochen, als würden wir gedanklich einige Jahrzehnte zurückhängen. Dann wird sich noch etwas mit den Cops gezankt. Die Bewegung schlurft jedes Jahr aufs Neue hin und jedes Jahr werden noch weniger Menschen damit erreicht.

Anschließend klopft mensch sich gegenseitig auf die Schultern und dann geht’s nach Hause. Und fertig ist die Bewegungsfolklore. Ironischerweise wissen immer weniger von uns, wofür der 1. Mai mal stand bevor er eine solche historische Anekdote (Erzählung) wurde…

Was hat das Ganze nun mit Wohlfühlaktivismus zu tun? Zum einen ist diese verzerrte Identitätspolitik gewissermaßen eine Realitätsflucht vor dem, was „da draußen“ ist. Da ziehen wir uns lieber zurück und beschäftigen uns mit uns selbst, was inzwischen eine eigene ungute Eigendynamik angenommen hat. Statt in die Mehrheitsgesellschaft hineinzuwirken drehen wir uns um uns selbst und verkaufen uns das als Aktivismus. Zum anderen ist diese nur möglich, weil wir, die privilegierte Mehrheit der Bewegung, (noch) glauben, dass wir uns sie leisten könnten. Es ist höchste Zeit die Bewegungsfolklore beiseite zu lassen und für unsere Sache zu kämpfen!

Es reicht nicht eine Subkultur zu sein. Wir müssen eine offene Gegenkultur aufbauen!

Das Problem mit dem Hedonismus

Wer sagt, dass wir keinen Spaß haben dürfen? Kein Mensch. Allerdings sehen wir in verschiedenen Kontexten, dass das, worauf Menschen Bock haben, im Fokus steht und nicht das, was sinnvollerweise angebracht wäre. Zum einen können wir nicht von politischer Arbeit reden und gleichzeitig versuchen einen System Change herbeizufeiern oder Auseinandersetzungen nur des Adrenalins wegen zu suchen und zu glauben, dass uns das voran bringt. Zum anderen bleiben so unliebsame Aufgaben, wie Orga- und Strukturaufgaben, Awareness- sowie Repro-Arbeit an den wenigen hängen, die sich erbarmen (hierbei spielt der patriarchale Normalzustand natürlich auch eine große Rolle), die mit mehr Ernsthaftigkeit und Entschlossenheit politisch arbeiten wollen.

Wir müssen eine gesunde Balance finden zwischen politischer Arbeit und Ausgleich. Dabei sollten wir auf eine gerechte Aufgabenverteilung mehr achten.

Das Problem mit dem Harmoniebedürfnis

Selbstprofilierung (siehe Identitätspolitik) und Rumgemacker (besonders patriarchales Verhalten) sind weder konstruktiv noch tragen sie zur Harmonie in unseren Gruppen bei. In Reaktion darauf versuchen einige Gruppen solches Verhalten zu überwinden und wollen so mehr Harmonie schaffen, was absolut richtig ist. Dem gehen oftmals entsprechende negative Erfahrungen voraus. Manche schaffen das recht erfolgreich.

Andere jedoch gleiten jedoch dahin ab, dass sich gegenseitig in Watte gepackt wird, um die scheinbare Harmonie um jeden Preis aufrecht zu halten. So werden belastende oder kontroverse Themen konsequent umschifft, schwierige Entscheidungen vertagt/vermieden, Konflikten in der Gruppe aus dem Weg gegangen und Frust herunter geschluckt. Auf den ersten Blick scheint oft alles in bester Ordnung zu sein und dass alle sich gegenseitig lieb hätten. Unter der Oberfläche brodelt es aber teilweise gewaltig…

Dass wir Selbstprofilierung und Rumgemacker überwinden müssen, steht außer Frage. Es bringt uns überhaupt nichts einander auseinanderzunehmen und ebenso wenig bringt es uns nichts, wenn wir uns nur in Watte packen. Vielmehr brauchen wir eine offene, ehrliche Streitkultur, die konstruktiv, fair und nicht verletzend ist.

Das Problem mit den Repressionen

Egal wie kämpferisch wir uns geben oder sind, wir müssen anerkennen, dass Repressionen wirken. Die, die bleiben, sehen wir und wollen wir sehen. Die, die einknicken, sehen wir viel weniger und wollen das oft auch gar nicht, da sie im Widerspruch dazu stehen, was wir nach außen tragen und selbst glauben wollen: „Ihr könnt uns nicht brechen, weil wir solidarisch zusammen stehen!“. Solidarität darf nicht bei finanzieller Solidarität oder gar bei bloßen Solidaritätsbekundungen stehen bleiben. Die Ausbaufähigkeit unserer Solidarität ist ein sehr wichtiges Thema, aber hier soll es um einen anderen Aspekt gehen. Und zwar um die Frage, warum Menschen bei Repressionen einknicken.

Zum einen sind da die verständlichen Reaktionen auf (krasse) Repressionen wie z.B. Traumatisierungen zu nennen. Da braucht es dann viel Zeit und Hilfe, um wieder klar zu kommen und das ist auch mit nichts kleinzureden. Und natürlich lässt sich auch kaum aus dem Knast heraus Aktivismus betreiben.

Zum anderen gibt es aber auch eine gewisse Bequemlichkeit. Wird es aufgrund von Repressionen ungemütlich z.B. durch das erzwungene Erscheinen vor Gericht, dann ziehen sich viele zurück – nicht weil es untragbar wäre weiter zu machen, aber es ist eben nicht mehr so bequem. Entscheidend dabei ist das Privileg entscheiden zu können, ob mensch weitermacht oder einknickt. Diese Wahl haben viele nicht, da ihr Aktivismus alternativlos ist. Zum Teil ist es gar eine Frage von Kämpfen oder Sterben.

Darüber hinaus ist die Bereitschaft Repressionen in Kauf zu nehmen, auch wenn diese zu kassieren natürlich kein vernünftiges Ziel ist, hierzulande vergleichsweise gering. Schauen wir bspw. nach Russland, wo Menschen für die simpelste Kritik an Putins Krieg ins Lager gesteckt werden und dennoch Menschen aktiv sind.

Oder schauen wir nach Südmexiko, wo Menschen zum Teil für die bloße Demonstration gegen Umweltzerstörung ermordet werden und trotz dieser krassen Bedrohung aktiv sind.

Ohne unsere Privilegien hier in Deutschland zu reflektieren und ohne die Bereitschaft Risiken für das Erreichen unserer Ziele einzugehen, werden wir weiterhin nicht weit kommen mit dem vorherrschenden Wohlfühlaktivismus.

Das Problem mit dem Aktivismusbegriff

Wenn es Aktivismus gibt, gibt es dann auch Passivismus? Das suggeriert (vermittelt) der Begriff „Aktivismus“ zumindest. Es scheint somit, als gäbe es aktive Menschen bzw. Aktivist*innen und passive oder inaktive Menschen.

Das ist natürlich völliger Quatsch. Nicht nur, weil auch das Private politisch ist, sondern auch weil jede einzelne Person in unterschiedlichster Art und Weise aktiv ist. So trägt bspw. die Arbeit für einen Kohlekonzern aktiv zum Weiter-so des fossil-kapitalistischen, umwelt- und klimazerstörenden Systems bei. Auch ein Nicht-Handeln kann ein hochgradig politisch sein. Die bewusste unterlassene staatliche Hilfeleistung bei flüchtenden Menschen in Seenot auf dem Mittelmeer ist dafür ein grausames Beispiel.

Der Begriff „Aktivismus“ zieht ein gedankliche Trennlinie zwischen Menschen, die sowohl aktiv als auch bewusst für politische Veränderungen eintreten, und Menschen, die das nicht tun. Das hat negative Folgen.

In Kombination mit der Professionalisierung von Aktivismus wird mit dem Begriff eine Hemmschwelle zum bewussten und aktiven politischen Handeln geschaffen. Immerhin gibt es so ja „die Aktivist*innen“, die die „Profis“ für (außerparlamentarische) politische Veränderung sind.

Neben dem Problem, dass Menschen sich somit weniger zutrauen bewusst politisch aktiv zu werden, wird so auch leicht die Verantwortung für politische Veränderung auf Aktivist*innen abgewälzt. Das führt zu absurden Ansichten wie, dass die Klimabewegung schuld daran sei, dass das Klima nicht gerettet wird/ wurde.

Insgesamt wird mit dem Aktivismus-Begriff das Empfinden bestärkt, dass Politik etwas von dem Leben der Menschen externes wäre. Die gewaltige Politik-Verdrossenheit wird somit weiter zementiert.

Das Selbstverständnis als Aktivist*in ist außerdem ein Ausdruck der bereits kritisierten vorherrschenden Identitätspolitik. Es fördert somit einen Selbst- und Szenebezug und die damit verbundene Abgrenzung. Außerdem fördert die damit einhergehende vermeintliche oder tatsächliche Professionalisierung und Expertise das Risiko von Abgehobenheit und damit auch von Autoritarismus.

Widersprüchlicherweise ist der Begriff „Aktivist*in“ relativ inhaltsleer für die Identitätsbildung. Die Faschos der Identitären Bewegung sind immerhin zweifelsohne auch Aktivist*innen – auch wenn ihre Ziele andere sind…

Was für Begriffe können wir statt „Aktivismus“ und „Aktivist*in“ verwenden? Lasst uns das Kind beim Namen nennen. So kann aus unkonkreten Aussagen wie „Ich mache Aktivismus.“ „Ich gebe Workshops zu den Themen XY und organisiere Demos dazu.“ werden. Die abstrakte Bezeichnung „Aktivist*in“ kann durch die Bezeichnung, wofür eine Person kämpft, ersetzt werden, wie bspw. Anarcho-Syndikalist*in oder Räte-Kommunist*in.


Fußnote [1]:
weißes Rettertum (White Saviorism): kolonialistisch-rassistische Annahme, dass BIPoC (Black, Indigenous, People of Color bzw. Schwarze, Indigene, Menschen von Farbe) von Weißen gerettet werden müssten und dass die als minderwertig wahrgenommenen BIPoC ohne Eingreifen, Unterweisung und Anleitung von Weißen nicht überlebensfähig wären


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Was ist eigentlich eine Strategie? Und was eine Taktik?

Linke Strategien scheitern oft nicht, weil sie oft gar nicht erst vorhanden sind.“

Neben Linken, die sich in Elfenbeintürmen mit Theorie zum scheinbaren Selbstzweck beschäftigen, prägt zielloser Aktionismus „die“ linke Bewegung. Einige sind über den zugrundeliegenden Voluntarismus (Ansatz, dass sich Ziele allein durch genügend Wollen & Bemühen erreichen lassen würden) frustriert. Sie suchen infolgedessen nach einer Strategie, um Erfolg oder Misserfolg nicht dem Zufall zu überlassen. Für genau diese Menschen ist dieser Text. Denn was bei den verschiedenen Strategie-Debatten – so unterschiedlich sie inhaltlich auch sein mögen – auffällt, ist, dass viel Unklarheit darüber herrscht, was überhaupt eine Strategie ist und was sie von Taktiken und Plänen unterscheidet. Damit stehen die Strategie-Debatten auf sehr wackligen Beinen. Dieser Text möchte dafür eine Stütze bieten – ohne Anspruch, die einzig wahren unumstößlichen Definitionen zu liefern.

Für eine Strategie braucht es zunächst ein Ziel. Dieses ergibt sich klassischerweise aus ethisch-moralischen Werten (z.B. soziale Gerechtigkeit), Analyse (Bsp: „Wir leben in einer patriarchalen Gesellschaft.“) und darauf aufbauender Kritik (Bsp: „Das Patriarchat ist ein zutiefst ungerechtes System.“). Das Ziel sollte konkret definiert sein. Ist es zu schwammig, können alle folgenden Schritte nicht richtig funktionieren. Das angestrebte Ergebnis muss definiert werden. Dabei kann die SMART-Methode helfen: Ist die Strategie spezifisch definiert? Ist ihre Wirkung messbar? Ist sie attraktiv? Ist sie realistisch? Und ist sie terminiert?

Eine Strategie muss eine Entscheidung zwischen mindestens zwei validen Optionen sein. Das kann die Übernahme (und Anpassung) einer bestehenden oder vergangenen Strategie sein oder das Erfinden einer völlig neuen Strategie. So verwenden bspw. unterschiedliche Akteure derzeit unterschiedliche Strategien gegen die AfD an: Ausgrenzung, Konfrontation, Repression, Themenübernahme, Einbindung, Selbstzerlegung, Gegenmobilisierung usw… Auch wenn diese Strategien (bislang) nicht funktioniert haben (Beitrag dazu: https://kurzlinks.de/bkpv), sind diese, von ihrem Startpunkt aus gedacht, valide Optionen, da sie eine Chance auf die Erreichung des Ziels, die AfD zu stoppen, bieten bzw. boten. Die AfD zu ignorieren bzw. einfach machen zu lassen, wäre ein Beispiel für eine nicht-valide Option. „Wie werden wir gewinnen?“ kann eine gute Leitfrage bei der Strategie-Suche sein.

Eine bloße Ansammlung von Maßnahmen wie Demos veranstalten und Aufklärungsvideos drehen, ist keine Strategie. Eine Strategie beschreibt möglichst ganzheitlich eine fundamentale Idee. Sie kreiert eine Theorie zum angestrebten Erfolg. Dabei braucht sie gar nicht lang zu sein. Sie legt vielmehr den Grundrahmen fest, an dem sich alle folgenden Schritte (Taktiken, Pläne, Maßnahmen) orientieren werden. Tut sich nach einer Kampagne, Aktion oder dergleichen ein Loch auf und die Frage „Wie anknüpfen? Wie weiter?“ steht im Raum, ist diese Orientierungslosigkeit ein Zeichen für einen Strategiemangel.

„Ich bin wie ein Hund, der Autos nachjagt. Ich wüsste gar nicht, was ich tun würde, wenn ich mal eins erwische…“ – Joker in „Batman: The Dark Knight“

Bei Strategien wird vom Soll- und nicht vom Ist-Zustand aus gedacht. Im Gegensatz zu Plänen geht es hierbei also noch nicht darum, die gegebenen Ressourcen, wie vorhandene Skills oder Mitgliederanzahl, bestmöglich zu nutzen. Stattdessen geht es vor allem um Dinge, die nicht (unmittelbar) in der eigenen Kontrolle liegen, wie z.B. Diskurse. Unsicherheiten und das Risiko von Fehlschlägen sind dementsprechend größer als bei den nachfolgenden Schritten. Die Theorie und Annahmen der Strategie können sich schließlich erst mit der Umsetzung beweisen.

Soweit, so theoretisch – schauen wir uns mal eine sehr gängige, größtenteils gescheiterte, Strategie „der“ Linken Bewegung grob vereinfacht an: „Wir wollen, dass Papi Staat Politik in unserem Sinne macht (zB echten Klimaschutz). Wir glauben, dass Diskurse einen nennenswerten Einfluss auf die Politik des Staats haben. Deshalb werden wir in die Diskurse eingreifen (intervenieren), um so die staatliche Politik zu verändern.“. Mit diesem Beispiel einer Strategie im Hinterkopf, kommen wir nun zu den nächsten Schritten.

Zur Realisierung einer Strategie braucht es als nächstes Taktiken. Das sind Ansätze und Konzepte zum Erreichen von Zwischen- oder Teilzielen. Sie können recht simpel oder auch sehr komplex sein. So kann ihre Ausformulierung auch schon mal bedeutend umfassender als die Formulierung der Strategie sein. Während Strategien eher auf lange Zeiträume angelegt sind, sind Taktiken eher dynamisch. Sie lassen sich quasi wie Spielzüge betrachten.

Eine häufige Taktik im Kontext unseres Strategie-Beispiels ist: „ Wir machen symbolische Aktionen, die für mediales Aufsehen sorgen. Durch diese Präsenz in den Medien soll der Diskurs verändert werden.“

Auf die Wahl der Taktik(en) folgt ein entsprechender Plan. Bei einem Plan geht es um die Frage, wie die Taktik ganz konkret umgesetzt wird. Welche Ressourcen braucht es? Was steht zur Verfügung und was braucht es noch? Und so weiter …

In unserem Beispiel könnte das z.B. Folgendes bedeuten: „Zum Tag XY veranstalten wir in allen größeren Städten möglichst große Latschdemos. Dazu brauchen wir …“

Schlussendlich kommen wir zu den Maßnahmen. Das sind die ganzen verschiedenen Handlungen zur Umsetzung der Pläne.

In unserem Beispiel: „Wir planen Demo-Routen, melden die Demos an, machen Mobi mittels Social Media und Plakaten usw. …“

Nach der Umsetzung erfolgt die Reflexion und gegebenenfalls Anpassungen auf den verschiedenen Ebenen. Dabei ist zu beachten, dass Strategien und komplexere Taktiken auf längere Zeit angelegt sind, weshalb nicht jeder Fehlschlag gleich dazu führen muss, dass eine Strategie oder Taktik über den Haufen geworfen werden muss. Gleichzeitig ist das Festhalten an gescheiterten Strategien keine löbliche Beharrlichkeit, sondern Verdrängung des Schmerzes des Scheiterns und die Prokrastination einer neuen Strategiesuche. Desweiteren gehört zur Reflexion das Abgleichen des Handelns mit den eigenen Werten.

Fazit: Wer den Erfolg des eigenen Engagements nicht dem Zufall oder das Denken anderen überlassen möchte, braucht eine solide Strategie und eine konsequente Umsetzung dieser in allen Schritten.


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